»Also gut, alles herhören!«, sagte Markby als sie aufsprangen.

»Gordon Lowe ist verschwunden, möglicherweise selbstmordgefährdet! Wir müssen ihn finden! Lassen Sie alles andere stehen und liegen!«

»Ich war bei dieser alten Dame, Mrs. Etheridge, Sir.« Prescott war rot angelaufen, verlegen, weil er von Markby ertappt worden war, und eifrig darauf bedacht, sich zu erklären.

»Gleich heute Morgen, genau wie Sie es gesagt haben.«

»Das muss definitiv warten, Sergeant. Sie hatte nichts Neues zu berichten, oder?«

»Sie glaubt anscheinend, dass es irgendwo in der Gegend einen Teufelsanbeterkult gibt.«

»Unwahrscheinlich!«, verwarf Markby Mrs. Etheridges Theorie.

»Louise, gibt es bereits einen Obduktionsbericht im Fall Denzil Lowe?«

»Jawohl, Sir. Er ist zwar noch vorläufig, doch das Ergebnis ist interessant. Ich war gleich heute Morgen unten beim Leichenbeschauer.« Sie verzog das Gesicht.

»Der Tote weist eine Verletzung am Hinterkopf auf. Eine Platzwunde mit Schwellungen. Das Blut hat sich darunter gesammelt, und der Schädel hat mutmaßlich einen Haarriss davongetragen. Dr. Fuller sagte, dass der Verstorbene seiner Meinung nach einen heftigen Schlag gegen den Kopf erhalten hat, heftig genug, um ihn bewusstlos zu machen, bevor er aufgehängt wurde. Er untersucht gegenwärtig die Schädelfraktur, um ganz sicherzugehen, und wird Sie unterrichten, falls Sie nicht vorher zu ihm nach unten kommen.« Es überraschte Markby nicht wirklich.

»Tatwaffe?«, fragte er.

»Irgendein schwerer, stumpfer Gegenstand. Ein Hammer vielleicht. Oder eines der Werkzeuge im Schuppen. Wir haben noch nichts Passendes gefunden. Wir suchen noch immer den Friedhof ab. Wir brauchen Gordon Lowe; er muss uns sagen, ob etwas fehlt.«

»Dann überprüfen Sie eben sämtliches Werkzeug! Ich will jeden Einzelnen an diesem Fall haben! Ich will Gordon Lowe! Und ich will ihn wohlbehalten und lebendig!«

Sie fanden Gordon nicht.

Sie erkundigten sich in den anderen Häusern in seiner Straße, sie suchten den Garten der Lowes und die übrigen Gärten ab, sie durchsuchten Anbauten und Schuppen. Die Suche wurde auf die angrenzenden Felder ausgedehnt. Der alte und der neue Friedhof wurden durchkämmt, zusammen mit dem öffentlichen Park. Jeder, der die Lowes bekanntermaßen jemals als Gärtner beschäftigt hatte, wurde befragt. Beamte besuchten die Pubs, in denen die beiden Brüder verkehrt hatten. Das einheimische Krankenhaus wurde auf eingelieferte Verletzte überprüft, die lokalen Arztpraxen angerufen, ob Gordon Lowe oder sonst jemand aufgetaucht war, der unter Amnesie litt.

Nichts. Gordon war spurlos vom Erdboden verschwunden. Gegen dreizehn Uhr fünfundvierzig verließ Markby sein Büro, um sich in der Kantine rasch ein Sandwich und einen Kaffee zu holen. Er traf auf eine einsame Gestalt, die geduldig und kerzengerade im Empfangsbereich auf einem Stuhl saß.

»Gütiger Gott, Major! Sind Sie immer noch hier?« Das schlechte Gewissen meldete sich.

»Haben Sie etwa den ganzen Morgen gewartet?«

»Nicht schlimm«, versicherte ihm Walcott hastig.

»Ich habe sowieso nichts zu tun. Ich dachte, wenn Sie vielleicht fünf Minuten erübrigen könnten – obwohl Sie offensichtlich einen sehr gehetzten Tag haben.«

Er konnte den Mann jetzt wohl kaum noch nach Hause schicken. Resigniert fragte er – in der Hoffnung, dass es nicht um eine Spende für irgendeine politische Partei ging:

»Was gibt es denn, Major?«

»Es geht um einen Geldbetrag«, sagte Major Walcott verlegen. Hätte er gesagt, es ginge um pornografische Filme, er hätte schwerlich noch verlegener dreinblicken können.

»Geld?« Hatte der Major etwa allen Ernstes vor, ihn wegen Geld anzugehen? Markby starrte seinen Besucher leeren Blickes an.

»Was für Geld?«

»Das Geld, das ich diesem Mädchen gezahlt habe. Kimberley Oates.«

Stille. Schließlich durchbrach Markby das Schweigen.

»Leider kann ich im Augenblick nicht mehr tun, als Sie zu einem Pint einzuladen, Major. Ganz in der Nähe gibt es ein Pub, in dem vernünftige Sandwiches serviert werden. Ich habe Mittagspause, und ich schätze, Sie können auch eine Kleinigkeit vertragen. Und während wir essen, können Sie mir die ganze Geschichte erzählen.«

KAPITEL 16

ES WAR ein kleines Pub. Bis Markby und Major Walcott ankamen, war es vierzehn Uhr geworden, und die Gäste gingen zu ihrer Arbeit zurück. Die Küche hatte bereits geschlossen, doch wie üblich waren noch Sandwichs im Angebot. Sie nahmen jeder ein Pint und setzten sich in die Ecke. Vor ihnen stand ein Teller mit Räucherlachs-Sandwichs. Major Walcott schien nicht sonderlich viel Appetit zu haben. Er knabberte lustlos an einem Sandwich, während Markby zulangte und darauf wartete, dass der Major von sich aus zu erzählen begann.

»Margaret kam vorbei, um mit Evelyne zu reden«, sagte Walcott unvermittelt. Er räusperte sich und fuhr fort:

»Sie hat gesagt, dass Sie bei ihr gewesen wären. Sie haben nach diesem Mädchen gefragt, Kimberley Oates. Sie schienen zu glauben, Margaret hätte ihr Geld gegeben. Sie hat sich sehr aufgeregt wegen dieser Anschuldigung.«

»Das tut mir Leid«, sagte Markby mit einem Mund voller Räucherlachs.

»Aber wir können uns nicht immer bemühen, taktvoll bei unserer Arbeit zu sein, sonst kämen wir zu nichts. Wir bemühen uns, niemanden über Gebühr unter Druck zu setzen.« Walcott beeilte sich zu versichern, dass er Markby keineswegs Herzlosigkeit vorwerfen wollte.

»Ich verstehe das nur zu gut! Selbstverständlich müssen Sie diese Fragen stellen! Margaret hatte durchaus Verständnis dafür. Im Gegenteil, sie meinte, unter den gegebenen Umständen wären Sie mehr als fair gewesen.« Er räusperte sich erneut.

»Margaret ist eine sehr tapfere Frau. Sie hatte kein einfaches Leben. Und diese Geschichte macht ihr eine Menge zu schaffen. Als sie wieder gegangen war, haben Evelyne und ich darüber gesprochen, und wir kamen zu dem Ergebnis, dass ich zu Ihnen gehen und mich auf ein Wort mit Ihnen unterhalten sollte. Um ein paar Dinge richtigzustellen. Damit Sie Margaret nicht weiter in die Enge treiben und weil diese Dinge am Ende stets doch herauskommen. Selbstverständlich ist unser Gespräch streng vertraulich, Superintendent.«

»Ich leite eine polizeiliche Ermittlung«, erinnerte ihn Markby.

»Natürlich respektieren wir Vertraulichkeit, wo wir können, und wir veröffentlichen kein Material, das für den Fall ohne Bedeutung ist. Aber wenn es um wichtige Erkenntnisse geht, kann ich Ihnen nichts versprechen.« Walcott nickte.

»Ich verstehe.« Er verstummte. Schließlich sagte er:

»Dann lassen Sie mich zuerst erklären, dass Richard Holden und ich lebenslange Freunde waren. Fast lebenslang. Wir gingen zusammen in die Schule. Nach der Schule schlugen wir unterschiedliche Wege ein, aber wir verloren uns nie aus den Augen. Als ich aus der Army ausschied, bot uns Richard das Cottage zu einer Spottmiete an. Später konnte ich mich revanchieren, indem ich seinem Jungen bei seiner politischen Karriere behilflich war. Oh, nur mit meinen bescheidenen Mitteln, verstehen Sie mich nicht falsch – ich trug Flugblätter aus und ging während des Wahlkampfes an Haustüren klopfen.«

»Erstklassige Arbeit«, sagte Markby und wusste, dass es so war. Ohne freiwillige Helfer wie den Major ging in politischen Parteien auf lokaler Ebene überhaupt nichts.

»Man lernt die eigenartigsten Leute kennen, wenn man an fremde Haustüren klopft, wissen Sie?« Der Major schweifte ab.

»Man wird nicht selten beschimpft. Die meisten Leute sind allerdings recht freundlich. Gelangweilt, um ehrlich zu sein. Es ist schwer, heutzutage richtige Begeisterung zu wecken.«

»Stimmt.« Die letzten Mittagsgäste verließen das Lokal. Der Wirt wechselte einen Blick mit Markby und nickte. Er ging nach vorn, um die Eingangstür zu schließen und die Riegel vorzuschieben. Das Pub war offensichtlich für den Rest des Nachmittags geschlossen. Der Superintendent, ein guter Bekannter des Wirts, konnte bleiben, so lange er wollte. Der Wirt zog sich in ein Hinterzimmer zurück und verzehrte dort sein eigenes verspätetes Mittagessen. Im gänzlich leeren Lokal räusperte sich Walcott ein weiteres Mal geräuschvoll.

»Jedenfalls, Richard und ich waren Freunde, wie gesagt. Vielleicht sollte ich beschreiben, wie Richard war, denn Sie kannten ihn schließlich nicht. Er war ein reservierter Mensch, doch das bedeutet nicht, dass er nicht zu tiefen Empfindungen im Stande war. Er liebte Margaret und den Jungen, Lars. Er liebte sie über alles, glauben Sie mir!« Walcott beugte sich vor, und seine hellblauen Augen traten ein wenig aus den Höhlen.

»Er liebte sie über alles, aber er hatte Probleme, mit dem Jungen zu reden. ›Ich weiß nie, was ich sagen soll, Ned!‹, pflegte er mir anzuvertrauen. Trotzdem war er sehr stolz auf Lars, und das mit Recht. Ein sehr heller Junge, der eine strahlende Zukunft vor sich hatte, das war Lars. Richard war genauso gewesen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass er seine richtige Nische im Leben nicht gefunden hatte. Meiner Meinung nach hätte er einen ausgezeichneten Akademiker abgegeben.«

»Was hat er gemacht?«, unterbrach ihn Markby.

»Ich meine, welchen Beruf hat er ausgeübt?«

»Beruf? Oh, am Schluss hat er sich nur noch um die Verwaltung des Familienbesitzes gekümmert. Davor war er bei mehreren Gesellschaften als Direktor. Früher hat er in London gearbeitet, einen großen Teil seines Lebens. In einer Handelsbank. Aber er war nicht wirklich dafür gemacht. Er musste irgendeinen Beruf ergreifen, weil das Gut nicht viel abwarf. Ich glaube, am liebsten hätte er das Leben eines altmodischen Landbesitzers geführt, der sich neben seinem Gutshof nur noch für seine Bibliothek interessiert. Aber so etwas gibt es heutzutage nicht mehr. Der arme Richard. Er kam mir immer vor, als sei er in die falsche Zeit geboren worden. Er schien im modernen Leben hilflos und hat sich nie wirklich damit anfreunden können.« Walcott räusperte sich erneut.

»Was Margaret betrifft – eine prachtvolle Frau! –, sie kümmerte sich um alles im Haushalt. Sie verwaltete Richards private Angelegenheiten auf kompetente Art und Weise, und er konnte sich wirklich auf sie verlassen. Doch Margarets eigentliche Liebe galt dem Knaben, Lars. Wahre Mutterliebe, vermutlich. Evelyne und ich haben keine Kinder, und manchmal denke ich, dass ich froh darüber bin. Eltern zu sein ist ein verdammt schwieriges Geschäft. Ich glaube, Richard hat sich manchmal ein wenig außen vor gefühlt. Margaret war, was ich den Brunhilde-Typ zu nennen pflege. Wundervoll anzuschauen, besonders, als sie noch jünger war, und sehr gut darin, Dinge zu organisieren, aber nicht gerade das, was man pflegeleicht nennt. Sie hatte sehr hohe Ansprüche. Ich glaube nicht, dass Richard sich in seinem eigenen Heim jemals wirklich entspannen konnte. Aber er liebte seine Familie über alles.«

»Ich verstehe.« Markby wusste nicht so recht, warum Walcott dies immer wieder betonte, doch er nahm an, dass sich schon alles aufklären würde. Der Major nahm einen Schluck Bier und sammelte sich für das nächste Stadium seiner Beichte.

»Gegen Ende seines Lebens wurde Richard sehr krank. Krebs. Er wucherte im ganzen Körper, und damals konnte man die Krankheit noch nicht so gut kontrollieren wie heute. Er musste sich allen möglichen Behandlungen unterziehen, und am Ende konnte er einfach nicht mehr. Sie gaben ihm Pillen. Ich schätze, die Pillen sind schuld an allem, was … was dann geschah. Wenn ein Mann bis unter den Rand mit Medizin voll gepumpt wird, dann muss es sein Gehirn beeinträchtigen. Er fängt an, sich auffällig zu verhalten.« Walcott machte eine müde Geste.

»Ich suche nach Entschuldigungen. Niemand versteht einen anderen Menschen wirklich oder die Beweggründe für seine Handlungsweisen. Ich hatte nie Vertrauen zu Seelenklempnern. Ich habe lange und gründlich nachgedacht, Markby, bevor ich heute zu Ihnen gekommen bin. Ich fühlte mich – ich fühle mich noch immer so, als würde ich ein Geheimnis verraten, wenn ich so über den armen Richard rede. Aber Richard hätte nicht gewollt, dass Margaret oder der Junge aufgrund von Missverständnissen in Schwierigkeiten geraten. Diese Missverständnisse müssen ausgeräumt werden. Richard selbst hätte es so gewollt. Ich lag die ganze letzte Nacht wach und habe über alles nachgedacht, bis ich zu diesem Schluss gekommen bin.«

»Recht so, Major.« Die Sandwichs waren aufgegessen. Markby hatte noch immer Hunger. Er wünschte, der Wirt wäre nicht nach hinten gegangen, doch daran war nun nichts mehr zu ändern. Er trank den restlichen Schluck Bier aus seinem Pintglas. Der Major nahm ebenfalls einen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über den Schnurrbart.

»Ich wusste, dass der Junge, Lars, etwas mit dem Mädchen hatte. Ich habe die beiden zusammen gesehen. Achtzehn ist ein gefährliches Alter für einen Jungen. Andererseits muss so ein junger Bursche auch irgendwann einmal lernen, wie das Leben läuft, und ich hielt ihn eigentlich für vernünftig. Was man von dem Mädchen nicht sagen konnte. Diesen Typ hatte ich oft genug gesehen. Sie hängen vor den Kasernen rum, überall auf der Welt, immer die gleiche Sorte. Gutherzig und gefällig, aber mit dem Instinkt eines Straßenkämpfers. Sie machen einen höllischen Radau, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.«

»Eine Soldatennutte«, sagte Markby lächelnd.

»Ganz genau!« Der Major war dankbar für Markbys Verständnis.

»In den Zeiten des Eisernen Herzogs, auf der Iberischen Halbinsel, folgten sie den Truppen in Scharen. Sie machten jedes Elend mit, unverwüstlich wie alte Stiefel. Sie waren immer im Weg, wenn die Soldaten gegen den Feind vorrückten, aber sie waren gut für die Moral und machten die Männer glücklich. Ein notwendiges Übel, so nannte man sie damals.« Major Walcott schnaubte.

»Aber ich schweife ab. Was den Jungen betrifft – damals hatten Evelyne und ich einen Hund, einen Spaniel. Ich ging jeden Abend vor dem Schlafengehen mit ihm spazieren. Es war Sommer, und eines Abends führte ich den Hund in den kleinen Wald hinter dem Cottage. Er ist längst abgeholzt. Das Land der Holdens war früher weitläufiger, doch nach Richards Tod wurde ein großes Stück verkauft. Jedenfalls, zu dieser Zeit war es ein privater Wald und in Holden-Besitz, und ich durfte mit Richards Genehmigung dort den Hund ausführen.« Walcotts blasse Augen verengten sich. Er schien durch die Jahre hindurch in die ferne Vergangenheit zu sehen.

»Es war nicht dunkel, aber in den Wäldern ist es immer dunkler als im offenen Gelände. Finster. Und sehr still. Ich folgte dem Weg, und meine alte Hündin schnüffelte ein Stück von mir an Bäumen und Sträuchern. Plötzlich hielt sie inne, spitzte die Ohren und gab ein leises Knurren von sich. Sie hatte etwas gehört. Ich nahm sie am Halsband und bedeutete ihr still zu sein. Ich wollte ebenfalls lauschen. Irgendwann hatte es Probleme mit Leuten gegeben, die unbefugt in den Wald eingedrungen waren und die Schösslinge niedergetrampelt hatten. Vor uns konnte ich Stimmen hören. Eine davon gehörte einer Frau. Es war eine junge Stimme. Ich dachte zuerst, dass ein paar Jugendliche sich im Wald ein ruhiges Plätzchen für ihre Dummheiten gesucht hätten. Ich wollte hingehen und sie vertreiben. Ich setzte mich also mit dem Hund in Bewegung, und als ich näher kam, stellte ich fest, dass ein Streit im Gange war. Dann hörte ich die Stimme des Mannes. Es war Richard.« Walcott sah Markby verlegen an.

»Ich hätte umkehren und nach Hause gehen sollen, das hätte ich. Aber ich dachte, vielleicht unternimmt Richard einen abendlichen Spaziergang und hat jemanden in seinem Wald gefunden, den er vertreiben will. Vielleicht hatte er Schwierigkeiten, also dachte ich, besser, wenn ich hingehe und nachsehe, ob er meine Hilfe braucht. Als ich näher kam, wurden die Stimmen lauter, und die Hündin begann erneut zu knurren. Ich bückte mich und legte ihr eine Hand auf die Schnauze, damit sie still war. Und in diesem Augenblick, als ich gebückt dastand, verborgen hinter Unterholz, wer kam da um die Wegbiegung? Richard, und mit ihm – dieses Mädchen!« Markby öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Nach und nach konnte er sehen, wohin das Gespräch führte. Seine Stimmung sank. Walcott setzte seine Erzählung mit militärischer Entschlossenheit fort.

»Die beiden hatten mich nicht gesehen. Das Mädchen schluchzte. Richard bat sie, nicht zu weinen. Ich dachte, vielleicht war sie zu ihm gekommen, um über Lars zu sprechen, und er hatte ihr gesagt, dass sie den Jungen in Frieden lassen solle, doch dann küssten sich die beiden vor meinen Augen! Es war kein väterlicher Kuss, kein freundschaftlicher Kuss oder dergleichen. Es war ein anderer Kuss.«

»Ein leidenschaftlicher Kuss?«

»Ja, genau.«

»Also hat das Mädchen mit Vater und Sohn Spielchen gespielt?«

»So sah es in meinen Augen aus. Sie hat sich auf ihn gestürzt. Er fummelte an ihrer Bluse, schob seine Hand hinein. Kein Zweifel. Richard muss den Verstand verloren haben, andererseits – wie ich bereits sagte, Alan, mit all den Medikamenten im Leib … wahrscheinlich wusste er nicht so recht, was er tat. Ich geriet in Panik. Ich hatte Angst, sie könnten mich entdecken. Doch nachdem sie sich geküsst hatten, bogen sie in einen Seitenweg ein, und ich kehrte unerkannt zum Haus zurück. Evelyne hat sofort gesehen, wie durcheinander ich war. Ich hatte nie Geheimnisse vor ihr. Also erzählte ich ihr alles. Ich hatte das Gefühl, etwas unternehmen zu müssen, wir beide. Was würde geschehen, wenn der Knabe es erfuhr? In seinem Alter – es hätte seine Kräfte bei weitem überstiegen. Und Margaret? Gott behüte! Und Richard selbst – die öffentliche Schande, falls etwas herauskam! Wir beschlossen also, Evelyne und ich, dass es wahrscheinlich nur eine Möglichkeit gab, das Mädchen zu beeinflussen, nämlich Geld. Wir waren nicht besonders gut situiert, aber wir hatten ein paar bescheidene Ersparnisse. Wir bekamen etwa fünfhundert Pfund zusammen …«

»Fünfhundert!«, rief Markby unwillkürlich aus. Jennifer hatte den Betrag eindeutig falsch eingeschätzt. Offensichtlich hatte die Rolle ein paar große Banknoten enthalten.

»Ja. Kein Vermögen, aber für ein Mädchen wie sie eine hübsche Summe. Ich ging gleich am nächsten Tag zur Bank und hob das Geld ab. Es war alles, was wir hatten. Ich erzähle das nicht, um uns großmütig aussehen zu lassen, Superintendent, sondern damit Sie sehen, dass wir uns die Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Aber wir hatten Richard sehr viel zu verdanken – immerhin zahlten wir fast keine Miete für das Cottage, und er war mein ältester und bester Freund. Es schien ein geringer Preis, um ihn und seine Familie vor Skandalen und Kummer zu schützen. Der Verband hatte für die kommende Woche eine Dinnerparty arrangiert. Ich ging davon aus, dass das Mädchen dort sein würde, um zu kellnern, und so war es auch. Ich nahm sie beiseite und hielt ihr eine gehörige Standpauke. Ich habe ihr Gottesfurcht beigebracht, glauben Sie mir! Ihr deutlich gemacht, was geschehen würde, falls diese Geschichte ans Licht kam, und dass sie in der Stadt unten durch wäre und ihre Familie ebenfalls leiden würde. Ich hatte mir die Mühe gemacht herauszufinden, wo sie wohnte, und ich wusste, dass sie bei ihrer alten Großmutter lebte, einer respektablen Frau. Das Mädchen sah verängstigt aus, als ich fertig war. Dann gab ich ihr das Geld unter der strikten Voraussetzung, dass sie es nehmen und aus der Stadt verschwinden würde. Sie sollte weggehen und irgendwo neu anfangen. Sie versprach, es zu tun. Kurze Zeit später verschwand sie. Deshalb dachte ich all die Jahre, sie hätte ihr Versprechen eingehalten.« Major Walcott hielt inne.

»Das ist alles.«

»Nicht ganz. Was war mit Richard Holden? Als das Mädchen verschwand – haben Sie ihm etwas angemerkt?« Walcott schien auf seinem Stuhl zu schrumpfen.

»Richard … er war sehr krank. Danach ging es immer schneller bergab mit ihm. Er hatte starke Schmerzen und … und musste immer stärkere Medikamente nehmen. Er … er hat seinen Qualen selbst ein Ende gemacht.«

»Mit einer Überdosis?«

»So hat es die Feststellungsverhandlung ergeben. Er hat sehr gelitten. Ich hoffe … ich hoffe, es war nicht, weil das Mädchen ihn verlassen hatte. Aber das glaube ich nicht. Und es wäre nur noch schlimmer geworden, falls etwas davon bekannt geworden wäre. Das Geld war gut angelegt, meiner Meinung nach. Ich verstehe, dass Richard eine Überdosis genommen hat. In seiner Situation hätte ich sehr wahrscheinlich das Gleiche getan.«

»Ich brauche das alles in einer schriftlichen Aussage«, sagte Markby.

»Meinetwegen. Ich verlasse mich auf Ihr Wort, Superintendent, dass nur das Notwendigste an die Öffentlichkeit gerät. Falls überhaupt etwas davon notwendig sein sollte. Die Affäre zwischen Richard und diesem Mädchen gehört bestimmt nicht dazu.« Walcott beugte sich vor.

»Der Junge und seine Mutter dürfen das niemals erfahren! Weder Margaret noch Lars dürfen es wissen! Es würde die beiden zerstören! Die Familie war immer das Wichtigste in Margarets Leben!« Er lehnte sich wieder zurück.

»Aber ich musste Ihnen sagen, woher das Geld kam und wer es gezahlt hat, damit Sie Margaret nicht wieder unter Druck setzen.«

»Sie ist nicht weggegangen«, sagte Markby.

»Das wusste ich damals nicht!« Walcott hielt seinem Blick stand.

»Ich dachte, sie wäre gegangen. Als man ihre Knochen in diesem Grab fand, konnte ich es zuerst gar nicht glauben! Ich war überzeugt, es müsse sich um einen Fehler handeln!«

»Es war kein Fehler, Major. Sie haben keine Vorstellung, was mit dem Geld geschehen ist? Dem Geld, das Sie Kimberley gezahlt haben?« Er blickte Markby überrascht an.

»Selbstverständlich nicht! Ich dachte, sie wäre weggegangen und hätte alles mitgenommen!« Oh, welch wirrer kleiner Liebesreigen!, dachte Markby, als er aufstand, um nach dem Wirt zu suchen. Und was für eine lange Liste von Motiven für einen Mord! Meredith war ebenfalls zum Mittagessen eingekehrt. Sie war im Old Coaching Inn. An diesem Tag herrschte weniger Betrieb. Simon French stand hinter der Theke; wahrscheinlich machte er sich Gedanken über die fehlende Kundschaft. Er erkannte Meredith wieder.

»Miss Mitchell! Kommt der Superintendent auch noch?«

»Nein, ich bin heute ganz allein. Ich fuhr gerade vorbei und dachte, ich könnte eine Kleinigkeit zu Mittag vertragen. Nur etwas Kleines.«

»Aber selbstverständlich!« Er führte sie zu einem Tisch.

»Wir servieren sämtliche Vorspeisen der Karte auch als leichte Hauptmahlzeit, zusammen mit einem kleinen Salat. Wie wäre es mit der Pastete à la chef? Oder vielleicht Wonton-Krabben? Pilze mit Knoblauch?« Meredith entschied sich für die Pastete zusammen mit Graubrot, Butter und einem Salat, und weil sie noch fahren musste, nahm sie ein Leichtbier dazu. Sah das Lokal heute besser aus, oder lag es daran, dass sie sich inzwischen an das pseudo-historische Ambiente gewöhnt hatte? Die Pastete war jedenfalls gut. Als sie mit dem Essen fertig war, bestellte sie sich einen Kaffee und – einer Schwäche nachgebend – den Käsekuchen vom Dessertwagen. French kehrte zurück, wie sie gehofft hatte.

»Ist alles nach Ihren Wünschen?«

»Wundervoll, danke sehr. Das ist ein ruhiger Tag heute für Sie, nicht wahr? Aber im Allgemeinen geht das Geschäft gut, oder?« Sie signalisierte ihr Interesse an einer beiläufigen Unterhaltung, indem sie die Ellbogen auf die Tischplatte stützte und ihn über gefaltete Hände hinweg anlächelte. French beeilte sich, ihr zu versichern, dass die Geschäfte fantastisch liefen und nur dieser Tag ein wenig schleppend.

»Aber so ist das im Geschäftsleben.«

»Es ist bestimmt ein interessanter Beruf. Wenn ich recht verstanden habe, waren Sie schon immer in dieser Sparte?« Glücklicherweise schien sich French nicht zu wundern, woher Meredith diese Information hatte. Er gehörte zu jener Sorte Mensch, die nur zu gerne über sich selbst redete.

»Ich habe als Barmann angefangen, genau wie heute Mickey dort hinten. Allerdings nicht in einem guten Restaurant wie diesem! Ich hatte nicht so viel Glück wie Mickey. Ich fing bei einem Partyservice an, hier in der Stadt. Aber es war eine gute Firma, und sie haben mir eine anständige Ausbildung mitgegeben.«

»Dann waren Sie bei Partytime?«, fragte Meredith unschuldig.

»Ich kenne die Geschäftsräume.«

»Ja, richtig. Partytime Caterers. Aber die Firma ist nicht mehr die Gleiche wie früher, auch wenn sie noch den alten Namen trägt.« French, wie stets eifrig darauf bedacht zu beeindrucken, folgte Meredith bereitwillig dorthin, wo sie ihn haben wollte.

»Stellen Sie sich vor, ich kannte dieses Mädchen, Kimberley Oates! Das Mädchen, über das die Zeitungen geschrieben haben. Sie und ich, wir haben zusammen gearbeitet!« Er sah Meredith selbstgefällig an, als wäre es eine persönliche Leistung gewesen.

»Tatsächlich?« Meredith spielte die Überraschte.

»Deshalb glaubten Sie, die Identität des Skeletts zu kennen! Ich bin sicher, die Polizei war sehr dankbar, als Sie sich gemeldet haben. Wie kamen Sie auf den Gedanken, es könnte sich um Kimberley Oates handeln? Wie war sie überhaupt, wenn ich fragen darf?« French zog einen Stuhl heraus und setzte sich.

»Sie war ein kleines Flittchen, wissen Sie?«, sagte er vertraulich.

»Es überrascht mich nicht im Geringsten, dass sie so geendet hat. Natürlich erwartet man nicht, dass Leute, die man kennt, ermordet werden, aber wenn es jemand je herausgefordert hat, dann sie!«

»Tatsächlich?« Merediths Lächeln war ein wenig frostig, doch French bemerkte es nicht.

»Jeder, wirklich jeder! Wissen Sie, was ich meine?« Er zwinkerte tatsächlich!

»Sie war nicht wählerisch.« Fast hätte Meredith gefragt:

»Wie steht es mit Ihnen«, doch sie hielt sich gerade noch zurück.

»Möglicherweise waren die Partys, die von Ihrer Firma beliefert wurden, glanzvolle Festlichkeiten. Vielleicht hat es ihr den Kopf verdreht.«

»So dumm war sie nicht!«, entgegnete French unerwartet.

»Ich meine, sie war in gewisser Hinsicht verschlagen und in anderer dumm wie Bohnenstroh. Sie hat immer alle an der Nase herumgeführt. Ich habe sie beobachtet. Sie hat sich die Männer angesehen und ein geeignetes Opfer herausgepickt. Sie war genau der Typ, auf den ältere Männer fliegen. Sie hatte so etwas Milchmädchenhaftes an sich, so etwas Frisches. Alle hielten sie für unschuldig!« French gab ein nervöses Kichern von sich. Ihm kam nicht in den Sinn, dass seine Worte im Widerspruch zu seiner Behauptung standen, dass Kimberley es mit praktisch jedem getrieben hätte. Sie war nicht, sagte er nun, ganz so wahllos gewesen. Sie hatte nach einer bestimmten Sorte von Männern gesucht und war dabei recht erfolgreich gewesen. Das deutete auf ein bestimmtes Ziel bei ihrer Suche hin. Und der gute Simon French, erkannte Meredith, gehörte ebenfalls zu der Sorte Mensch, die in einer Hinsicht schlau waren und in anderer bemerkenswert dumm.

»Vielleicht«, schlug sie vor, »vielleicht hoffte Kimberley, dass einer davon ihre Fahrkarte in ein besseres Leben wäre.«

»Kim Oates?« French starrte sie entgeistert an.

»Pah! Selbstverständlich hätte keiner so etwas getan! Die meisten waren verheiratet! Genau das meinte ich, als ich sagte, dass sie in mancherlei Hinsicht strohdumm war. Sie hatte keine Probleme, sich einen Mann zu angeln, aber sie konnte einfach nicht begreifen, dass er sie vergessen würde, sobald er mit ihr im Bett gewesen war. Sie hat es lange genug auf diese Weise getrieben. Man sollte wirklich meinen, dass es bei ihr geklingelt hätte!«

»Sie war gerade erst achtzehn, als sie starb«, sagte Meredith verärgert.

»Wie viel Erfahrung kann ein Mensch mit achtzehn haben?« French stand wieder auf und musterte Meredith mit weltklugem Blick.

»Sie wissen ja nicht, was in Kleinstädten so alles geschieht, Mrs. Mitchell.« Er ging, um eine Gruppe neuer Gäste zu begrüßen. Eine Schande, dachte Meredith, denn wie es aussieht, ist unser Mr. French jemand, der gerne schwatzt. Und seine letzten Worte hatten geklungen wie ein Echo von Mrs. Etheridge:

»Hier geht mehr vor, als es auf den ersten Blick scheinen mag!« Aber was ging vor? Das war das Frustrierende daran. Alle ergingen sich in Andeutungen, doch keiner redete im Klartext. Meredith erinnerte sich an etwas, das Alan ihr einst gesagt hatte, vor langer Zeit und bei einem ganz anderen Fall.

»Irgendjemand weiß immer irgendetwas«, hatte er gesagt. Aber niemand redete mit der Polizei, das war das Problem. Es gab dutzende von Gründen dafür. Manche Menschen erkannten einfach nicht die Bedeutung ihrer Beobachtungen. Oder es handelte sich um falsch verstandene Loyalität. Manchmal war es sogar die Macht über einen anderen Menschen, die ein kleines Geheimnis erzeugte, dazu, dass die Betreffenden schwiegen. Die Rechnung für Pastete, Salat, Bier, Käsekuchen und Kaffee war unerwartet hoch. Reumütig überlegte Meredith, dass sie für das Geld wahrscheinlich genauso gut ein Mittagsmenü hätte bestellen können.

Sie stieg in den Wagen und fuhr davon. Der frühe Nachmittag war mild und sonnig. Der Regen hatte aufgehört, und die Straße war bis auf vereinzelte Pfützen trocken. Meredith folgte einem Gewirr gewundener Wege und kam schließlich auf der Straße heraus, die an der Old Farm und den beiden Cottages vorbeiführte. Vor Bullens Haus hielt sie an und stieg aus, um den alten Mann zu suchen.

Sie fand ihn im Garten, wo er sich mit einer Rolle Kaninchenzaun abmühte und unablässig fluchte, weil der störrische Draht nicht gerade bleiben wollte. Er stand mit seinen schweren Stiefeln auf einem Ende. Oscar war in der Nähe an eine rostige Schubkarre angebunden und beobachtete ihn sorgenvoll, während er in regelmäßigen Abständen ein lautes Bellen von sich gab, dem ein Unterton von Hysterie beigemischt war.

»Wie geht es Ihnen, Mr. Bullen?«, rief Meredith über den allgemeinen Tumult hinweg. Als Oscar sie bemerkte, begann er zu jaulen und zerrte an der fesselnden Leine.

»Was glauben Sie denn?«, fauchte Bullen.

»Sie haben doch wohl Augen im Kopf, oder? Ich komme nicht zurecht, wie Sie sehen!«

»Vielleicht kann ich Ihnen helfen?«

Bullen richtete sich auf und musterte Meredith von oben bis unten.

»Also schön. Sie scheinen ein kräftiges Mädchen zu sein. Aber passen Sie auf! Dieses Zeug peitscht zurück und kann ganz schön kratzen.«

Gemeinsam entrollten sie den Draht, und Bullen schnitt ein passendes Stück mit einer Zange ab.

»Hier herüber!«, befahl er. Sie folgte ihm zu einem Beet mit Kohl, das von einem frischen, tiefen Graben umgeben war. Ringsum waren in gleichmäßigen Abständen Stangen in den Boden gerammt.

»Jetzt möchte ich«, sagte Bullen ernst, »dass Sie diese Stange festhalten, während ich den Zaun mit diesen Krampen hier befestige. Diesen hier, sehen Sie?« Er hielt eine der U-förmigen Klammern hoch. Sein Benehmen war das eines Handwerksmeisters, der einem Lehrling etwas erklärt.

»Sie halten die Stange ruhig, und ich schlage die Biester mit dem Hammer ein.« In der anderen knotigen Hand hielt er einen antiken Hammer, dessen Kopf aussah, als könne er jeden Augenblick vom altersschwachen Stiel abfallen.

»Mr. Bullen«, entgegnete Meredith nervös, »was halten Sie davon, wenn Sie die Stange nehmen und ich den Draht befestige?«

»Hab noch nie ’ne Frau erlebt, die ’nen Nagel gerade einschlagen konnte«, sagte Bullen.

»Immer schlagen sie ihn schief. Sie müssen keine Angst haben, ich treffe schon nicht Ihr Knie. Ich bin schließlich nicht blind!« Meredith hielt die Stange am oberen Ende mit ausgestreckten Armen fest, so weit von dem hämmernden Alten entfernt, wie es ihr nur möglich war. Bullen, der zum Schlag ausgeholt hatte, senkte den Hammer wieder und musterte Meredith geringschätzig.

»Was machen Sie denn da drüben? Wie können Sie die Stange halten, wenn Sie so schief stehen? Kommen Sie näher ran!« Meredith schob sich vorsichtig näher. Bullen schwang den Hammer. Oscar zuckte zusammen. Rumms! Die Stange erzitterte, doch Bullen hatte den Krampen perfekt getroffen. Oscar sprang mit aller Macht in sein Halsband und startete ein irres Kläffen.

»Halt die Klappe, verdammter Köter!«, kreischte Bullen. Oscar setzte sich hin und neigte den Kopf zur Seite. Bullen kicherte.

»Hat ein cleveres altes Köpfchen auf den Schultern, dieser Hund. Er weiß genau, was ich zu ihm sag. Ein schlauer alter Bursche ist er.«

»Was macht er hier?«, fragte Meredith.

»Sie ist in die Stadt gegangen.« Wahrscheinlich meinte Bullen Margaret Holden.

»Und der Major und seine Frau sind ebenfalls irgendwohin. Also spiel ich den Babysitter, sozusagen. Kommen Sie, weiter. Der nächste.« Sie wiederholten das Spiel mit dem Draht und den Krampen. Während sie sich auf diese Weise um das Beet herumarbeiteten, entspannte sich Meredith mehr und mehr, und auch Oscar beruhigte sich. Bullen wusste, was er tat. Meredith staunte über die Kraft in seinen alten Armen. Doch Bullen hatte sein ganzes Leben lang körperlich gearbeitet.

»Sie wollen sicher wissen, wie alt ich bin, was?«, fragte er unvermittelt.

»Äh … ja«, gestand sie freimütig.

»Nun, ich sag’s Ihnen nicht. Aber ’s gibt jüngere, die nich’ mehr so fit sind wie ich. Aber sie sind alle verweichlicht heutzutage. Ich hab mit vierzehn angefangen zu arbeiten. Bin von der Schule weggegangen, weil’s nicht mehr nötig war. Ich konnte lesen und meinen Namen schreiben, das war genug.«

»Waren Sie immer schon Totengräber, Mr. Bullen?« Nat richtete sich grunzend auf.

»Nein. Zuerst war ich Knecht auf einer Farm, dann hab ich Hecken gepflanzt und Gräben gezogen, und dann hab ich angefangen Gräber zu schaufeln. Das war 1949. Manche Leute mögen diese Arbeit nicht, aber mir hat sie gefallen. Ich hab allein gearbeitet, niemand, der mir über die Schulter gestarrt hätte. Auf dem Friedhof ist’s vielleicht still, aber nicht einsam. Frühmorgens kann man alle möglichen kleinen Tiere sehn. Kaninchen, Wiesel, Füchse, und alle möglichen Vögel obendrein.«

»Ein wenig unheimlich ist es bestimmt«, bemerkte Meredith. Bullen verdrehte die gelblichen Augäpfel und sah sie an.

»Wegen der toten Leute? Sie können einem nichts mehr tun. Die Lebenden sind es, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Aber die Toten? Nein … es sei denn natürlich, man hat ihnen was Böses angetan.« Bullen schwieg gedankenverloren.

»Ah«, fügte er noch ärgerlich hinzu und verstummte. Sie waren inzwischen fast fertig mit dem Zaun. Bullen schlug einen letzten Krampen ein, dann legte er den Hammer weg.

»Schätze, jetzt könnten wir ’ne Tasse Tee vertragen, was?« Er band Oscar los. Zu dritt gingen sie ins Haus und in Nat Bullens Küche. Sie war nicht annähernd so chaotisch, wie Meredith es erwartet hätte. Bullen kochte Tee in einer Emaillekanne und stellte eine Flasche Milch auf den Tisch.

»Bedienen Sie sich.« Er setzte sich ihr gegenüber hin.

»Was wollten Sie eigentlich?«

»Sie haben sicher gehört, dass Gordon Lowe verschwunden ist?«, fragte sie. Oscar hatte irgendetwas auf dem Küchenboden gefunden und kaute nun darauf herum. Sie fragte sich, was es war, und schielte auf den Hund.

»Machen Sie sich keine Gedanken wegen dem da«, sagte Bullen.

»Er ist besser als jeder Staubsauger, ist er. Ich hab von Gordon gehört. Und von Denny. Gordon hat wahrscheinlich den Kopf verloren, wegen des Schocks. Er wird draußen auf den Feldern rumlaufen und durch den Wald. Er kommt sicher zurück, sobald er seine Sinne wiedergefunden hat.«

»Glauben Sie, dass Denny sich aufgehängt hat?« Bullen neigte den Kopf zur Seite und musterte sie.

»Wäre verdammt dumm, wenn er das getan hätt’.«

»Aber glauben Sie, dass er es getan hat?«, beharrte Meredith.

»Kann sein.«

»Und Ihnen fällt wirklich nicht ein, wo Gordon stecken könnte?«

»Ich hatt’ noch nie was mit den Lowes zu tun«, sagte Bullen.

»Sie haben mir meinen Job weggenommen. Tut mir Leid wegen der Geschichte mit Denny und was jetzt mit Gordon ist. Aber so ist das Leben. Die Menschen sind manchmal seltsam, wissen Sie?«

»Kannten Sie das Mädchen, das die Lowes gefunden haben? Kimberley Oates?«

»Sie haben eine Menge Fragen, wie?« Bullen zog die Nase hoch.

»Ich weiß überhaupt nicht, wozu die ganze Aufregung gut sein soll. Sie ist tot und basta. Es ist schon zwölf Jahre oder länger her. Warum lassen sie die Toten nicht ruhen? Sie finden nie raus, was mit ihr passiert ist, finden sie.« Von der Decke her ertönte ein leises Knarren. Meredith blickte nach oben. Bullen schien es nicht zu bemerken. Er sagte:

»Ist es das, weswegen sie gekommen sind? Wollten Sie das wissen?«

»Mehr oder weniger.«

»Hat Markby Sie geschickt?«

»Nein, es war meine eigene Idee.« Die Decke knarrte erneut. Meredith blickte suchend nach Oscar, der vielleicht irgendwie einen Weg in den ersten Stock gefunden hatte. Doch Oscar war durch die offene Hintertür nach draußen gelaufen und betätigte sich nun selbst ein wenig als Gärtner. Er scharrte energisch mit seinen kurzen Vorderpfoten an einem dicken Grasbüschel. Von Zeit zu Zeit biss er in das Büschel und zerrte daran. Sie wandte sich wieder zu Bullen um, der sie aus gelben Augäpfeln misstrauisch anstarrte.

»Dachse«, sagte Bullen.

»Diese kleinen Hunde sind extra gezüchtet, um Dachse auszugraben. Das hat der Major mir erzählt. Gib ihnen die Gelegenheit, und sie ziehen los und buddeln Löcher. Es ist ihre Natur. Genau wie meine. Deswegen kommen der kleine Köter und ich auch so gut miteinander aus. Wir beide graben gern.« Oscar hatte das Grasbüschel endlich ausgerissen, und jetzt hielt er es mit den Zähnen gepackt, um es totzuschütteln. Dreck flog in alle Richtungen.

»Sagen Sie Markby, wenn Sie ihn sehen, dass wir den Kaninchenzaun fertig haben.« Es hatte wenig Sinn, weitere Fragen zu stellen. Im Gegensatz zu Simon French war Bullen niemand, der Geschwätz mochte. Genauso wenig, wie er Fragen beantwortete – was Markby bereits erfahren hatte. Es sei denn, es ging um die Vorteile, die ein Leben als Totengräber bot. Oscar trottete herein, von oben bis unten voller Erde. Die schmutzverkrustete Zunge hing aus seinem Maul. Das Grasbüschel, wahrhaftig und gründlich tot, lag vergessen auf dem Weg. Oscar war ein glücklicher Hund. Er trottete zur Wasserschale, streifte an Merediths Bein vorbei und verlor eine Schaufel Dreck. Sie bückte sich, um ihn zu tätscheln, und sagte dabei:

»Ich gehe dann jetzt wohl wieder, Mr. Bullen.«

»Meinetwegen«, antwortete Bullen. Als sie davonfuhr, blickte sie in den Rückspiegel, in dem die Frontseite von Bullens Cottage zu sehen war. In einem der oberen, schmutzigen Fenster schien sich ein Vorhang zu bewegen. Vielleicht ein Luftzug. Vielleicht war Bullen ja auch nach oben gegangen und hatte ihr hinterhergesehen. Wahrscheinlich wollte er sicher sein, dass sie wirklich weg war.

»Also haben wir zwei weitere Verdächtige auf unserer Liste«, sagte Bryce. Sie hielt die getippte, von Major Walcott unterschriebene Aussage hoch.

»Walcott. Auch wenn er sich freiwillig gemeldet hat. Aber das machen sie häufig, nicht wahr?«

»Das tun sie tatsächlich, Louise«, stimmte Markby ihr zu. Vor seinem geistigen Auge sah er den ernsten Blick des Majors, die leicht hervortretenden Augen, als er Markby versicherte, dass Richard Holden ein fürsorglicher, liebender Familienvater gewesen sei.

»Walcott und seine Frau haben Kimberley Oates also ihre sämtlichen Ersparnisse in die Hand gedrückt, unter der Voraussetzung, dass sie die Stadt verlässt«, sagte Bryce.

»Und falls sie später festgestellt haben, dass Kimberley gar nicht daran dachte, ihr Versprechen zu halten, und sie stattdessen auslachte, könnte er durchaus wütend genug geworden sein, um sie zu töten. Er war damals zwölf Jahre jünger und ein ehemaliger Soldat.«

»O ja …«, sagte Markby mit niedergeschlagener Stimme.

»Und Richard Holden.« Bryce verzog das Gesicht.

»Obwohl das schwierig werden könnte. Holden ist tot, und nach Walcotts Worten hat er sich selbst das Leben genommen. Und wenn er zuerst das Mädchen und dann sich umgebracht hat? So etwas geschieht andauernd. Vielleicht hat er Bullen überredet oder bezahlt, damit er den Leichnam verscharrt. Ein einheimischer Landbesitzer wie Holden hätte keine Mühe, einen seiner Pächter dazu zu bringen, so etwas für ihn zu tun. Wir wären niemals im Stande, etwas zu beweisen.«

»Gott sei Dank«, murmelte Markby. Bryce blickte ihn überrascht an, und er erklärte:

»Ich habe nur laut nachgedacht. Falls Richard Holden ihr Liebhaber war, warum hat sie nicht ihn um Geld gefragt?«

»Vielleicht hat sie das. Vielleicht hat er ihr einige kleinere Beträge zukommen lassen. Vielleicht war er der reiche Freund, den sie Jennifer Jurawicz gegenüber erwähnt hat? Von dem Kimberley hoffte, dass er ihr eine Wohnung bezahlen würde? Andererseits konnte er ihr vielleicht nicht viel Geld geben, ohne dass seine Frau Verdacht geschöpft hätte. Mrs. Holden ist die Sorte Frau, die sofort merken würde, wenn Geld von einem gemeinsamen Konto verschwindet. Ich schätze eher, Richard hat Kimberley nicht mehr als ein paar Pfund hier und da gegeben, damit sie sich Strass und Nylonstrümpfe kaufen konnte.«

»Und dann ist sie zu Margaret und Richard gelaufen und hat sie beide offen nach Geld gefragt und behauptet, dass das Baby von Lars sei.« Markby starrte finster auf die Aussage Walcotts, die auf seinem Schreibtisch lag.

»Ergibt Sinn!«, sagte Bryce mit ungedämpfter Begeisterung.

»Sie hatte Richard bereits gefragt. Vielleicht hat sie ihm sogar gesagt, dass es sein Baby sein könnte, und er hat geantwortet, dass er ihr unmöglich eine größere Summe zahlen könne, ohne dass Margaret etwas davon erfuhr. Kimberley wurde wütend. Sie dachte, er würde sie im Stich lassen, und wollte sich rächen. Prompt ging sie zu Margaret, erzählte ihr, das Baby sei von ihrem Sohn und was nun? Richard hat hilflos danebengestanden. Dieses Mädchen stand im Begriff, seine ganze Familie zu ruinieren. Er war vernarrt in sie, aber die von ihr ausgehende Bedrohung war zu groß, als dass er sie ignorieren konnte. Und sie hatte ihn obendrein verspottet, indem sie behauptete, das Baby stamme von seinem Sohn. Vielleicht wurde er wütend und wollte es ihr irgendwie heimzahlen.«

»Liebe und Hass«, murmelte Markby.

»Alles miteinander verquirlt im Verstand eines Mannes, der unheilbar krank und mit Drogen voll gepumpt war.« Er fragte sich, ob Major Walcott zur gleichen Schlussfolgerung gelangt war wie Louise Bryce. Dass Richard möglicherweise der Mörder von Kimberley Oates war. Doch Richard war Walcotts Freund gewesen, und Walcott hatte tiefen Respekt für ihn empfunden. Sich einzugestehen, dass Holden ein Mörder war, würde Walcott sicherlich keine Freude machen.

»Wenn Sie mich fragen«, schloss Bryce, »dann könnte Richard Holden durchaus unser Mann sein. Aber wie bereits gesagt, das zu beweisen wird höllisch schwer werden.«

KAPITEL 17

AUF DEM Rückweg nach Bamford ging Meredith durch den Kopf, dass sie nicht gerade viel erreicht hatte. French hatte ohne Zweifel noch mehr Gerüchte und Tratsch auf Lager, doch er würde vielleicht Verdacht schöpfen, wenn sie ein zweites Mal allein in sein Restaurant kam und die Konversation erneut auf Kimberley lenkte. Sie musste unbedingt noch mit jemand anderem reden, der das tote Mädchen gekannt hatte. Es wäre hilfreich gewesen, mit Jennifer Jurawicz zu sprechen, doch sie konnte Alan nicht nach der Adresse fragen, und sie hatte weder die Möglichkeiten, ihre Anschrift auf eigene Faust herauszufinden, noch die leiseste Entschuldigung, Jennifer tatsächlich zu besuchen. Kimberleys ehemalige Kollegin war inzwischen mit einem Polizeibeamten verheiratet, hatte Markby mit einiger Belustigung berichtet. Und Jennifers Ehemann würde sofort wissen, dass Meredith kein Recht hatte Fragen zu stellen. Also war es an ihr, jemanden aufzuspüren, der Kimberley gekannt hatte und nach Möglichkeit noch in Bamford lebte. Es musste dutzende von Personen geben. Ehemalige Schulkameradinnen Kimberleys beispielsweise. Alle waren eigenartig zögerlich, sich zu melden, obwohl sie die Bilder in der Presse sicherlich erkannt hatten. Alan war darüber enttäuscht, wie sie wusste, auch wenn es ihn nicht weiter überraschte.

»Die Menschen wollen nicht in derartige Dinge verwickelt werden«, hatte er gesagt. Also – wenn schon nicht Mitschüler, dann vielleicht Nachbarn?

»Nachbarn!«, sagte Meredith laut und riss das Lenkrad herum. Zum Glück gab es gerade keinen Gegenverkehr, doch sie war dem Straßengraben unbehaglich nahe gekommen.

»Derek Archibald!« Sie hätte so oder so noch ein weiteres Mal versucht, mit dem Metzger zu reden – aber vielleicht war seine Frau gesprächiger? Alan hatte sie bereits befragt. Er hatte Mrs. Archibald zwar nicht genauer beschrieben, doch sein Verhalten ließ auf eine gewisse Abneigung schließen. Alan war normalerweise aufrichtig – mit gelegentlichen Entgleisungen in etwas, das Meredith

»Polizistendenken« nannte, und tolerant. Sein Verhalten in Bezug auf Mrs. Archibald erweckte Merediths Neugier. Sie brauchte eine Ausrede, um die Frau anzurufen. Den Fall durfte sie nicht erwähnen. Mrs. Archibald hatte bereits mit der Polizei gesprochen und würde Verdacht schöpfen, wenn eine Zivilistin Fragen stellte. Es war an der Zeit, dass der Bamforder Zirkel für schwarze Magie wieder aus der Versenkung auftauchte.

Der Dauerregen hatte wieder eingesetzt, als sie den Stadtrand erreichte. Gischt spritzte zu beiden Seiten auf wie das sich teilende Rote Meer, als sie durch die tiefen Schlaglöcher fuhr. Fußgänger eilten mit eingezogenen Köpfen unter breiten Schirmen vorüber und drückten sich an die Wände, möglichst weit weg vom Bordstein und den unvermeidlichen Spritzern.

Mrs. Archibald war zu Hause. Meredith hatte die Adresse aus dem Telefonbuch. Es gab nur einen Archibald, Vorname Derek, und er war zweimal aufgeführt. Einmal die Geschäftsnummer, und darunter die Privatanschrift. Meredith identifizierte das Cottage auf die gleiche Weise wie vorher Markby: durch Versuch und Irrtum. Vor dem Betätigen der Türglocke blieb sie eine Weile stehen und betrachtete das benachbarte Haus, das frühere Heim von Kimberley Oates und ihrer Großmutter Joan.

In Meredith breitete sich ein Gefühl von Neugier aus, gepaart mit Melancholie. Es war unmöglich festzustellen, ob sich das kleine Haus mit den Jahren verändert hatte – wahrscheinlich nicht, auch wenn gegenwärtig Umbauarbeiten im Gange waren. Nach den Planen und dem Gerüst zu urteilen, wurde das Dach ausgebaut. Der Wind hatte einen Weg unter eine der Planen gefunden, und sie flatterte nun laut gegen die Hauswand.

Unter dem niedrigen Türsturz dieses Eingangs war Kimberley hergegangen, über den schmalen Weg und hinaus auf die Straße, auf dem Weg zu ihrem letzten Stelldichein.

»Aufgedonnert«, mit den Worten ihrer Großmutter, nachzulesen im Polizeibericht, als sie Kimberleys Verschwinden gemeldet hatte. Eine traurige Bemerkung, aber zugleich extrem interessant. Denn wenn, so überlegte Meredith, Kimberley sich Mühe gegeben hatte, attraktiv auszusehen, dann hatte sie vorgehabt, einen Mann zu treffen. Keinen, den sie am Abend sehen würde – damit war Simon French ausgeschlossen. Nein, es war eine Verabredung am helllichten Tag gewesen. War damals niemand auf der Straße gewesen? War sie unterwegs niemandem begegnet? Der Polizeibericht schwieg sich darüber aus. Doch es fiel nicht schwer sich vorzustellen, wie Kimberley nach hier und dort gegrüßt hatte, während sie durch die schmale Gasse geeilt war.

»Sie sind wirklich sehr schick heute, meine Liebe.« Mrs. Etheridges Worte gingen Meredith durch den Kopf. Hatte an jenem schicksalhaften Tag vielleicht ein anderer genau das Gleiche zu Kimberley gesagt?

Eine Regenbö fand die schmale Lücke zwischen Merediths Hals und Kragen, als sie sich abwandte und den Weg zu Mrs. Archibalds Tür hinaufeilte.

»Schwarze Messen?« Mrs. Archibald, eingekeilt in ihren Lehnsessel, starrte Meredith ungläubig an. Sie stieß die Luft langsam und schmerzvoll rasselnd aus.

»Nicht, dass ich je von so etwas gehört hätte! Was denn, etwa hier in Bamford?«

Unglaube und Neugier lagen in ihrem roten Gesicht in heftigem Widerstreit. Sie konnte es nicht – fast nicht – glauben. Doch es war unverkennbar, dass sie mehr darüber erfahren wollte.

»Ich habe bereits mit Ihrem Ehemann wegen des Zwischenfalls vor einigen Jahren gesprochen, als er und Mrs. Etheridge eines Abends auf dem Altar eine brennende Kerze fanden. Damals waren beide Mitglieder im Kirchenvorstand. Vielleicht ist Mr. Archibald auch heute noch für die Kirchengemeinde tätig?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, er hat sein Amt vor einigen Jahren aufgegeben. Dieser Pater Holland hat seine eigenen Vorstellungen. Der arme Pater Appleton, er war ein ganz anderer Mann. Ein Vikar von altem Schrot und Korn. Wir alle haben ihn sehr vermisst. Leider war er zum Schluss ziemlich gaga.«

Der verstorbene Maurice Appleton war damit abgehakt. Man musste nicht besonders fantasievoll sein, um sich vorzustellen, dass Derek Archibald unter der laxen Regie des alten Vikars lieber im Kirchenvorstand gewesen war als unter Pater Hollands energischem Führungsstil.

»Ich nehme an, Ihr Mann hat Ihnen damals von dieser Geschichte mit der brennenden Kerze erzählt?«, erkundigte sich Meredith.

Der Gasofen brannte. Er zischte leise, und die blassen Flammen flackerten munter. Von Zeit zu Zeit ertönte vom Schornstein dahinter ein schwaches Fauchen. Der Tag mochte nass und kühl sein, doch für Merediths Geschmack war die Hitze in dem winzigen Wohnzimmer unangemessen. Doch sie war auch noch nicht alt und gebrechlich. Mrs. Archibald war offensichtlich beides. Ihr schnaufendes Atmen klang alarmierend. Jeder Atemzug bedeutete einen Kampf. Die stickige Atmosphäre musste alles noch schlimmer machen. Warum öffnete sie bloß kein Fenster und ließ frische Luft herein?

Schnauf – ächz – rassel. Es klang wie im Maschinenraum eines alten Dampfschiffs. Meredith wurde von Schuldgefühlen gequält. Sie sollte nicht hier sein und eine kranke Frau belästigen. Doch Mrs. Archibald erweckte nicht den Eindruck, als hätte sie etwas gegen Merediths Besuch. Sie hatte wahrscheinlich nur selten Gäste.

»Ja, ich erinnere mich undeutlich. Derek kam zu spät von einer Sitzung nach Hause und erzählte, dass Janet Etheridge wieder einmal Wirbel gemacht hätte.« Mrs. Archibald schnaubte.

»Es war wirklich nichts Ungewöhnliches! Sie bestand darauf, dass alle zur Kirche latschten, und als sie dort waren, gab es nichts zu sehen außer einer heruntergebrannten Kerze und ein paar welken Blumen. Kinder, meinte Derek. Kleine Teufel, die Kinder in dieser Gegend, das kann ich Ihnen sagen!« Mrs. Archibald wurde lebhaft und das Schnaufen und Rasseln schlimmer.

»Ich hatte jede Menge Scherereien mit ihnen! Sie würden nicht glauben, wie diese Kinder sich vor meinem Haus benehmen! Sie wissen, dass ich hier drin bin und nicht nach draußen kann, geschweige denn ihnen hinterherrennen! Ich war nie kräftig. Ich war immer ein schwächliches Kind. Der Arzt hat zu meiner Mutter gesagt, dass er nicht glaubt, dass ich groß werde. Ich hab hier irgendwo ein Foto von früher. Darauf sehe ich aus wie die dort.« Sie deutete auf eine Dresdner Porzellanfigur, eine Schäferin in Pink und Grün.

»Ein schmächtiges, zerbrechliches kleines Ding.« Es war schwer zu glauben, ohne Foto als Beweis. Meredith vermutete, dass das Wort

»zerbrechlich« eine Beschönigung darstellte.

»Kränklich« als Attribut war sicherlich treffender. Mrs. Archibalds gegenwärtige Konstitution war Folge ihres Gebrechens, doch ihr Körperbau ließ darauf schließen, dass sie niemals klein oder gar zierlich gewesen war. Ein stabiles, aber blasses und ungesundes Kind vielleicht. Meredith begann zu verstehen, woher Alans Abneigung gegen die Frau mit ihrer selbstmitleidigen und tadelsüchtigen Art rührte. Mrs. Archibald lamentierte noch immer über das ungebärdige Benehmen heutiger Kinder.

»Ich hätte mich niemals so aufgeführt, als ich jung war! Wir wurden von unseren Eltern im Zaum gehalten! Heute streunen die Bälger umher und machen, was sie wollen. Ich traue mich gar nicht, Ihnen zu erzählen, was sie angestellt haben!« Die letzten Worte entsprachen eindeutig nicht der Wahrheit. Die schnaufende Mrs. Archibald brannte förmlich darauf, Meredith zu berichten, was die Kinder angestellt hatten. Die Unterhaltung verlief nach Mrs. Archibalds Bedingungen. Ermutigend sagte Meredith:

»Ich weiß. Sie können wirkliche kleine Teufelsbraten sein. Was haben sie denn angestellt?« Erfreut nahm Mrs. Archibald zur Kenntnis, dass sie bei Meredith Unterstützung erhielt.

»Sie haben draußen auf der Straße herumgestanden und Dinge gerufen, das haben sie! Schmutzige Dinge! Wörter, die kein Kind kennen sollte, wissen Sie? Und sie haben mir schmutzige Bilder durch den Briefkastenschlitz geschoben!«

»Schmutzige Bilder?«

»Von nackten Frauenspersonen! Sie haben sie aus diesen liederlichen Magazinen herausgerissen, die man heute an jedem Kiosk kaufen kann! Pfui Teufel. Schändlich nenne ich das, jawohl! Die Zeitschriftenhändler stellen die Magazine in die obersten Regale, aber die Kinder kommen irgendwie immer noch dran!« Nach Janet Etheridges Bericht galt das nicht nur für die Kinder, sondern auch für Mr. Archibald. Seine Frau wusste wahrscheinlich nichts davon. Wo, so fragte sich Meredith, versteckte Derek seine Sammlung pornografischer Literatur? Bestimmt nicht hier zu Hause. Im Schuppen hinter dem Geschäft?

»Ich war außer mir! Genau wie Derek! All die Jahre war er im Kirchenvorstand, und dann so etwas!« Mrs. Archibalds Gesicht war inzwischen so farblos, dass Meredith befürchtete, sie könnte einen Anfall erleiden.

»Sie haben Dinge an meine Gartenmauer gekritzelt! ›Derek Archibald ist ein alter Schmutzfink!‹, haben sie geschrieben. Ich habe die Polizei gerufen. Sie kam vorbei und fragte mich, ob ich wüsste, wer das getan hätte! Natürlich wusste ich es, die Kinder, habe ich den Beamten gesagt. Welche, haben sie gefragt, aber das konnte ich ihnen nicht sagen. Diese kleine Biester sehen doch alle gleich aus! Und dann sind die Beamten wieder gefahren, ohne etwas zu unternehmen! Diese kleinen Teufel sind ungeschoren davongekommen!«

»Meine Güte!«, sagte Meredith schwach – in der Hoffnung, dass Mrs. Archibald sich wieder beruhigte. Vielleicht wurde Mrs. Archibald in diesem Augenblick auch bewusst, dass sie gefährlich überreizt war. Ihre aufgedunsenen Finger, die die Sessellehnen umklammert hielten, ließen los und entspannten sich.

»Aber was satanische Dinge angeht, Liebes, davon weiß ich nichts. Derek hat nie erzählt, ob er später noch einmal was in der Kirche gefunden hat. Wenn Sie mit Janet Etheridge reden, kriegen Sie jede Menge Unsinn zu hören. Sie gehört zu jenen Leuten, die immer wieder irgendwelche merkwürdigen Ideen haben, und man kann sie nicht mehr davon abbringen! Stellen Sie sich vor, Vegetarierin ist sie! Einmal gab es einen grässlichen Streit zwischen ihr und Derek. Sie stand draußen vor dem Geschäft und verteilte Flugblätter gegen den Verzehr von Fleisch! Sie hat tatsächlich behauptet, dass Schlachthöfe grausam wären und Fleisch schädlich für die Gesundheit! Ich hab mein ganzes Leben lang Fleisch gegessen!«, schnaufte Mrs. Archibald wütend, »und es hat mir nie geschadet!«

»Gibt es vielleicht sonst noch jemanden, den ich fragen könnte?« Meredith zögerte.

»Was ist mit den Nachbarn rechts und links?« Mrs. Archibald schüttelte den Kopf.

»Die meisten wohnen noch nicht sehr lange hier. Derek und ich sind die Einzigen, die seit den alten Tagen hier wohnen. Ich wüsste nicht, zu wem ich Sie schicken sollte. Nebenan hat Joan Oates gewohnt. Es war nicht ihr Haus, nur gemietet. Als sie starb, haben Leute namens Hamilton das Haus gekauft. Als sie weggingen, kamen junge Leute nach. Sie haben das Dach abgenommen, haben Sie gesehen? Sie wollen ein Dachstudio einbauen, haben sie gesagt. Ich frage mich, ob sie überhaupt eine Baugenehmigung haben. Joan Oates – das war ihre Enkelin, deren Knochen man vor kurzem auf dem Friedhof gefunden hat.«

»Ja, darüber habe ich gelesen. Sie kannten das Mädchen also?«

»Die junge Kimberley? Und ob ich sie kannte. Eine kleine Kratzbürste. Ziemlich hübsch, schätze ich, genau wie ihre Mutter Susan. Die arme alte Joan musste das Kind aufziehen, nachdem Susan von zu Hause weggelaufen war. Die kleine Kimberley kam oft zu uns, als sie noch ein Knirps war. Sie hatte einen richtigen Narren an Derek gefressen. Er nahm sie mit zu seinen Spaziergängen und kaufte ihr Süßigkeiten. Wir hatten nie eigene Kinder, Derek und ich. Ich hatte immer eine schwache Gesundheit. Derek hat einen richtigen Wirbel um die Kleine gemacht. Schlimm, dass Kimberley so danebengeraten ist. Es tat mir Leid, aber es hat mich keineswegs überrascht.« In Meredith wuchs das Gefühl, dass es unklug war, Mrs. Archibald noch länger reden zu lassen; sie wollte nicht für eventuelle Gesundheitsprobleme der alten Dame verantwortlich sein. In ihrem Kopf schwirrte ein Dutzend neuer Ideen; sie wollte weg, um alles in Ruhe zu durchdenken. Sie bedankte sich bei Mrs. Archibald für ihre Hilfe und erhob sich, um zu gehen.

»Nett Sie kennen zu lernen, Liebes«, sagte Mrs. Archibald.

»Kommen Sie doch mal wieder vorbei.«

Meredith fuhr nach Hause. Der Regen prasselte beständig herab, und der Nachmittag war grau und verhangen. Sie musste das elektrische Licht in der Küche einschalten, um sich Tee zu kochen.

Schließlich saß sie am Küchentisch, trank ihren Tee und versuchte, die neuen und beunruhigenden Ideen in geordnete Bahnen zu lenken, die ihr durch den Kopf gingen.

Derek Archibald und seine Frau hatten keine Kinder und wahrscheinlich niemals ein besonders aufregendes Sexualleben geführt. Mrs. Archibald hatte ihr ganzes Leben unter ihrem schlechten Gesundheitszustand gelitten und Sex gegenüber eine ablehnende Geisteshaltung. Und Derek sammelte Hochglanzmagazine. Diese beiden Tatsachen standen wahrscheinlich in ursächlichem Zusammenhang. Derek besaß einen abgesperrten Schuppen hinter dem Laden, den außer ihm nie jemand betrat. Nicht einmal sein Gehilfe Gary wusste, was Derek dort drinnen verbarg. Seine Pornosammlung? Es schien nur logisch.

So weit, so gut. Der Regen prasselte gegen das Fenster, und Meredith blickte nach oben. Die Zwergmispel an der Hauswand musste zurückgeschnitten werden. Sie wollte Alan schon eine ganze Weile um seinen Rat bitten. Vor der Scheibe schwebte ein Zweig mit kleinen grünen Blättern. Die Bewegung schien sie zu ermuntern. Los, weiter, Mitchell. Du bist schon so weit gekommen, lass jetzt nicht locker.

Aber wie sollte es weitergehen? Es war nicht schwer, einem Trugschluss zu erliegen. Zuerst musste sie sich also überzeugen, dass sie mit ihrer Theorie richtig lag.

Meredith erhob sich und wühlte durch die Schubladen ihrer Kommode, bis sie den zerfledderten Straßenplan von Bamford fand, der sie damals bei ihrer Ankunft in Bamford überall hin begleitet hatte.

Sie breitete ihn auf dem Küchentisch aus. Wie zu erwarten verlief der Mittelknick genau über der Hauptstraße und verdeckte die Stelle, wo Archibalds Metzgerei stand. Doch die schmale Gasse gleich daneben war noch zu erkennen. Sie führte an der Seite des Hauses vorbei und dann parallel zur Hauptstraße, sodass sämtliche Geschäfte auf dieser Seite einen Hintereingang besaßen. Dahinter lagen die Gärten und Wohnhäuser der nächsten Parallelstraße. Meredith faltete den Plan wieder zusammen.

Dereks Schuppen war mit Dachpappe gedeckt, die wahrscheinlich auf dünne Bretter genagelt war. Es sollte nicht allzu schwer fallen, das ein oder andere Brett zu lösen, um einen Blick ins Innere zu werfen. Viel einfacher, als durch eine verschlossene Tür hindurch.

Sie musste bis zum Einbruch der Dunkelheit warten.

Gegen halb elf abends hatte ein beständiger Nieselregen eingesetzt. Meredith war froh darüber. In Nächten wie diesen blieben die Menschen lieber zu Hause, wenn sie nicht nach draußen mussten, und Meredith wollte niemandem begegnen, der sie vielleicht später wiedererkennen konnte.

Sie hatte für ihre Expedition dunkle Hosen, ein dunkles Sweatshirt und eine navyblaue wasserdichte Jacke angezogen und führte die kleine Taschenlampe mit, die sie normalerweise im Handschuhfach ihres Wagens aufbewahrte. Außerdem hatte sie einen schweren Schraubenzieher dabei, um das Dach des Schuppens aufzubrechen. Er passte nicht in die Tasche, doch sie löste das Problem, indem sie ihn in eine große Plastiktüte packte und diese mit Hilfe einer Sicherheitsnadel an der Innenseite ihrer Regenjacke befestigte.

Sie verzog das Gesicht, als sie ihr Spiegelbild sah. Die perfekte Fassadenkletterin. Falls ein Streifenwagen sie anhielt, alarmiert von einem misstrauischen Bürger, hätte sie Schwierigkeiten, die Plastiktasche und den Schraubenzieher zu erklären. Glücklicherweise wusste Alan nicht, was sie plante, und was man nicht weiß, macht einen nicht heiß, wie das Sprichwort besagte.

Es war fast elf, als sie in der Seitengasse neben der Metzgerei ankam. Unterwegs war sie nur wenigen Menschen begegnet, und ausnahmslos alle schienen sich mit hochgeschlagenem Mantelkragen und eingezogenen Köpfen auf dem Nachhauseweg zu befinden. Niemand hatte Notiz von Meredith genommen. Die meisten hatten sie wahrscheinlich nicht einmal gesehen. Umso besser. Der Schraubenzieher in der Plastiktüte vor ihrer Brust war eine ständige Erinnerung daran, dass das, was sie zu tun vorhatte, höchstwahrscheinlich dumm und mit Sicherheit illegal war. Sie redete sich ein, dass es notwendig sei. Es gab keine andere Möglichkeit, einen Blick in Derek Archibalds Schuppen zu werfen, und der Wunsch, sich Gewissheit zu verschaffen, war überwältigend.

Die Gasse war nur spärlich beleuchtet. Dort, wo sie in die Hauptstraße mündete, stand eine einsame Laterne, und eine weitere warf ihr schwaches Licht an der Stelle auf das Pflaster, wo die Gasse einen Knick nach links beschrieb und hinter den Geschäften entlang verlief. Meredith bog mit der Taschenlampe in der Hand in die Gasse ein. Es roch nach feuchtem Mörtel, altem Mauerwerk, Mülltonnen und nach rohem Fleisch von der Metzgerei zur Linken.

Unvermittelt schoss eine Katze aus irgendeinem unsichtbaren Versteck und rannte vor ihren Füßen über den Weg. Mit mächtigem Getöse rannte sie halb, halb sprang sie einen Zaun hinauf und verschwand auf der anderen Seite. Für einen Augenblick stockte Meredith der Atem, und das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Sie lehnte sich gegen die Wand und wartete, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte. Schweiß rann ihr über den Rücken. Ihr größter Wunsch war jetzt, alles hinter sich zu bringen und endlich wieder nach Hause zurückzukehren. Sie bog um die Ecke in das Stück ein, das hinter den Geschäften entlang verlief. Hier war es stockdunkel. Alles Mögliche konnte sich in den Schatten verstecken und ihr auflauern. Meredith blickte zu den Gärten auf der rechten Seite. Sie waren lang und schmal, und die alten Häuser, zu denen sie gehörten, standen viel zu weit entfernt, um von dort in die Gasse sehen zu können. Außerdem waren die Vorhänge vor sämtlichen Fenstern gegen die Nacht zugezogen. Niemand sah nach draußen. Meredith schwenkte den Strahl ihrer Taschenlampe an der Mauer entlang nach oben. Das Dach von Derek Archibalds Hütte war gerade eben hinter der Krone zu sehen. Sie schaltete die Taschenlampe wieder aus und steckte sie in ihre Jacke.

Die Mauer bestand aus roh behauenen Natursteinen und bot reichlich Halt für Hände und Füße. Es war nicht besonders schwer, nach oben zu klettern, und schon bald saß Meredith rittlings auf der Krone. Sie tastete in der Dunkelheit nach Dereks Schuppen und fand die Stelle, wo die Dachpappe umgeschlagen und festgenagelt war. Probehalber zog sie daran.

Zuerst hatte sie kein Glück, und die Dachpappe gab keinen Millimeter nach. Sie riss sich schmerzhaft einen Fingernagel ein und musste innehalten, um das eingerissene Stück mit den Zähnen abzukauen, wie Kinder es tun. Die Holzbretter unter der Dachpappe waren alt und trocken und splitterten leicht. Ein Splitter im Finger wäre unwillkommen – ein Splitter unter dem Fingernagel hingegen die reinste Folter wie in den gewalttätigsten Romanen. Vorsichtig tastete sich Meredith an der Dachpappe entlang, bis sie eine lockere Stelle fand. Sie zerrte daran und löste ein Stück von einem zweifellos rostigen Nagel. Zur Vorstellung von Folter gesellte sich der Gedanke an Wundstarrkrampf. Wann war ihre Impfung zum letzten Mal aufgefrischt worden? Es war Jahre her.

Unvermittelt löste sich die ganze Ecke, und sie hielt ein großes Stück altersschwacher, brüchiger Dachpappe in den Händen. Es war viel mehr, als sie geplant hatte. Sie wollte nicht so viel Schaden anrichten, dass Derek es am nächsten Morgen gleich sah, wenn er in seinen Schuppen ging. Wie sie gehofft hatte, waren die Bretter darunter nur dünn. Der Schraubenzieher rutschte fast von allein unter das letzte, und sie hebelte es nach oben. Mit protestierendem Kreischen löste sich ein Nagel aus dem Holz. Dann brach ein Stück des Bretts. Beide Geräusche hallten durch die Nacht, und Meredith blickte schuldbewusst zu den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser. Kein Vorhang bewegte sich. Stattdessen stieg ihr aus dem Innern der Hütte ein Schwall muffiger Luft in die Nase. Spannung stieg in ihr auf. Das erste Hindernis war überwunden.

Die nächste Aufgabe war schwieriger. Meredith schob den Schraubenzieher in den Plastikbeutel zurück und zog die Taschenlampe hervor. Jetzt musste sie das gelockerte Brett mitsamt der Dachpappe halten, während sie mit der anderen Hand in das Innere des Schuppens leuchtete. Sie musste das Gesicht gegen das nasse, schmutzige Dach drücken und die Taschenlampe so durch den Spalt schieben, dass der Lichtstrahl sie nicht blendete, während sie nach unten spähte.

Weitere muffige Luft stieg aus der Tiefe. Regen tropfte am Hals in ihre wasserdichte Jacke. Zuerst sah sie überhaupt nichts, und dann, mit der Abruptheit eines Zaubertricks, starrte sie in ein Gesicht.

Es war ein Kindergesicht und starrte sie von einer großen, unter Glas gerahmten Fotografie an der Wand her an. Das Glas reflektierte den Lichtstrahl, und Meredith schloss geblendet die Augen. Sie schwenkte den Strahl ein wenig herum, und das Gesicht war wieder da.

Es war ein vielleicht acht oder neun Jahre altes, lachendes Mädchen in einem Sommeranzug. Es besaß lockiges Haar und eine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Meredith ließ den Lichtstrahl über die Wand gleiten. Weitere Fotografien, Schnappschüsse ohne Rahmen und zu klein, um Einzelheiten zu erkennen, doch offensichtlich zeigten alle das gleiche Kind.

Nicht alle waren im gleichen Alter aufgenommen. Größere Fotos zeigten die Entwicklung der kindlichen Gestalt hin zu einer jungen Frau, wie ein Insekt, das voll entwickelt und im Begriff zu fliegen aus seiner Puppe kroch, obwohl es die Flügel noch niemals benutzt hatte.

Und schließlich, wie um den letzten Zweifel zu beseitigen, erfasste der Lichtkegel das Studioporträt eines Mädchens von vielleicht sechzehn Jahren mit rundlichem Gesicht und strahlendem, zuversichtlichem Lächeln. Zwischen den Lippen die inzwischen vertraute Zahnlücke – ein Bild, das Meredith schon einmal gesehen hatte, bei Daisy Merrill im Pflegeheim, in der Zeitung.

Kimberley Oates. Bild auf Bild, immer wieder Kimberley Oates. Kimberley als Kleinkind, Kimberley als Jugendliche, Kimberley an der Schwelle zur Frau. Der gesamte Schuppen war ein Schrein, der Kimberley Oates gewidmet war und eine furchtbare Besessenheit enthüllte.

Meredith setzte sich auf und schaltete die Taschenlampe ab. Übelkeit war in ihr aufgestiegen. Worte echoten durch ihren Verstand. Mrs. Archibalds Worte, wie gerne die kleine Kimberley mit Derek zusammen gewesen war. Er hatte sie zu

»Spaziergängen« mitgenommen – Spaziergängen, die ohne Zweifel nie weiter als bis zu diesem Schuppen geführt hatten. Derek war ganz verrückt nach dem Kind gewesen. War es tatsächlich nicht mehr? Meredith wagte gar nicht weiter zu denken.

Und die anderen Kinder? Diejenigen, die Bilder von nackten Frauen durch den Briefkastenschlitz geschoben hatten und

»Derek Archibald ist ein alter Schmutzfink!« an die Gartenmauer geschrieben hatten? Derek Archibald mit seiner geheimen Sammlung von Hochglanzmagazinen und wahrscheinlich auch härterem

»Stoff«, alles versteckt in seinem Schuppen. Derek, besessen von Kimberley in sämtlichen Stadien ihres Lebens. Besessen bis über den Tod hinaus, wie es schien.

Sie musste Alan davon erzählen. Sie würde ihm ihr nächtliches Abenteuer beichten müssen, und er würde wütend werden. Trotzdem, er musste es erfahren!

Meredith schaltete die Taschenlampe wieder ein und beugte sich vor, um einen letzten Blick in den Schuppen zu werfen. Ihre frühere Neugier war Abscheu gewichen, doch vielleicht gab es noch andere Hinweise, die sie beim ersten Mal übersehen hatte.

Irgendwo in der Ferne klapperte eine Mülltonne. Eine Katze. Vielleicht die gleiche, die Meredith vor die Füße gesprungen war und sie erschreckt hatte. Von der Hauptstraße her ertönte eine Hupe. Besser, wenn sie nicht mehr länger als unbedingt nötig blieb. Sie wusste nicht mehr genau, wie lange sie bereits hier oben auf der Mauer gesessen hatte. Meredith schob den ganzen Arm durch das Loch im Dach und versuchte die gegenüberliegende Ecke auszuleuchten. Dabei lockerte sie unwillkürlich den Griff um die Lampe. Ohne Vorwarnung rutschte das kleine, regennasse Gerät aus ihrer Hand und fiel klappernd in den Schuppen hinunter. Die Lampe kam auf dem Boden zu liegen und brannte immer noch. Der Strahl leuchtete nutzlos in eine leere Ecke.

»Verdammt!«, murmelte Meredith.

Sie konnte die Lampe nicht zurückholen. Nicht, ohne das halbe Dach abzureißen und auf diese Weise praktisch sicherzustellen, dass Archibald den Einbruch bemerkte. Ihr blieb keine andere Wahl, als die Lampe liegen zu lassen und zu hoffen, dass die Batterie bis zum Morgen erschöpft war. Es war nur eine kleine Batterie, und sie war nicht neu. Wie lange konnte sie noch ununterbrochen brennen? Nicht länger als vielleicht eine Stunde, tröstete sie sich. Und wenn sie erst erloschen war, bestand eine geringe Chance, dass Derek Archibald sie auf dem Boden seines Schuppens nicht gleich entdeckte.

Meredith setzte sich auf und schob das gelockerte Brett an seinen Platz zurück. Sie konnte den Nagel nicht wieder einschlagen, doch sie zog die Dachpappe zurecht und hoffte, dass Archibald es nicht so bald bemerkte. Immerhin war es die hintere Seite des Schuppens.

Von innen würde man mit ein wenig Glück überhaupt nichts bemerken. Meredith kletterte an der Mauer hinunter und zerschrammte sich die Hände an dem kalten, nassen Stein. Sie eilte durch die Gasse zur Hauptstraße und in Richtung ihres Hauses, kaum gewahr, wohin ihre Füße sie trugen. Zu Hause angekommen wurde ihr bewusst, dass sie bis auf die Haut durchnässt und von oben bis unten verdreckt war. Ihre Hände waren in einem ganz besonders traurigen Zustand, die Nägel abgebrochen, die Haut zerkratzt, Dreck in den Schrammen. Sie streifte die nasse Kleidung ab und ließ sich ein Bad ein. Als sie die Badewanne wieder verlassen und saubere, trockene Kleidung angezogen hatte, war es ein Uhr morgens. Ihr erster Gedanke war, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und Markby anzurufen, aber dann wurde ihr bewusst, dass es kaum fair war und Alan vor dem nächsten Morgen sowieso nicht aktiv werden konnte. Sie unterdrückte ihre Ungeduld, trank eine heiße Schokolade und ging zu Bett. Sie schlief nicht besonders gut.

KAPITEL 18

DER RADIOWECKER riss Markby aus dem Schlaf. Dem Summen folgten die wenig ermutigenden Morgennachrichten sowie das Versprechen weiteren schlechten Wetters. Halb im Unterbewusstsein rollte er sich aus dem Bett und trottete zur Dusche und wurde erst richtig wach, als er ein wenig später seine Küche betrat und sich eine Tasse Instant-Kaffee braute. Mit dem Becher in der Hand schielte er trübe in die Cornflakesschachtel. Der Inhalt war bis auf ein paar letzte Flocken und eine Ansammlung Krümel verschwunden. Er schüttete den Rest für die Vögel auf seine Terrasse und schob zwei Scheiben Brot in den Toaster. Er hätte sich ein Ei kochen können, doch das hätte Zeit und Mühen gekostet. Also begnügte er sich mit dem Toast und bestrich ihn dick mit Marmelade. Heute würde seine Putzhilfe kommen. Er war immer bemüht, sein Haus zu verlassen, bevor sie kam, teilweise, weil es ihr so lieber war, doch hauptsächlich, weil er sich schämte, ihr zu begegnen. In einem Haus, in dem nur ein Mann allein lebte, sollte es eigentlich nicht so unordentlich aussehen, aber das tat es. In einer symbolischen Geste sammelte er einen Stapel alter Zeitungen ein und schob sie in eine Tragetasche, um sie irgendwann zur Altpapiersammlung zu geben – wahrscheinlich erst dann, wenn es so viele geworden waren, dass sie das Haus zu verstopfen drohten. Dann ging er nach draußen, um einen raschen Blick in sein Treibhaus zu werfen. Auch dort musste er dringend aufräumen und Ordnung schaffen. Es war eine der Arbeiten, die er sich für seinen Urlaub vorgenommen hatte. Den Urlaub, der jetzt nicht stattfand. Die Tomaten in ihren Zuchttöpfen entwickelten sich ausgezeichnet. Auch die Fuchsien blühten hübsch. Doch in einer Ecke stapelten sich die leeren Töpfe, zusammen mit halb leeren Komposttüten und Gießkannen, halb gefüllt mit trübem Wasser. Flaschen und Schachteln mit den verschiedensten chemischen Gartenhilfen standen staubbedeckt und mit längst überfälligem Verfallsdatum auf den Regalen. Spinnen hatten ihre Netze zwischen den Metallstreben gezogen. Wenn er nicht bald etwas dagegen unternahm, würde das Treibhaus bald Besuch von unwillkommenen Gästen erhalten, Weiße Fliegen, rote Spinnen, Läuse und dergleichen mehr. Verwahrloste Treibhäuser zogen alles mögliche Ungeziefer an.

»Und Geräteschuppen«, sagte er laut zu sich selbst. Schuppen wie der auf dem alten Friedhof, wo Denny ein unzeitiges Ende gefunden hatte. Wo aller Wahrscheinlichkeit nach Kimberley Oates Leichnam gelegen hatte, eingewickelt in ein grell gemustertes Stück Stoff, bevor er heimlich vergraben worden war. Der Gedanke an die beiden Lowes, speziell an Gordon, ließ Markby zurück ins Haus hasten. Wenn er sofort losfuhr, konnte er bei der Pfarrei vorbeifahren und James Holland aufsammeln. Sie konnten ein weiteres Mal beim Cottage der Lowes vorbeischauen. Mit ein wenig Glück war Gordon nach Hause gekommen. Oder sie fanden wenigstens Hinweise, dass er in der Zwischenzeit zu Hause gewesen war. Er schaltete seinen Anrufbeantworter ein und verließ das Haus. Was der Grund war, dass Meredith, die vielleicht fünf Minuten später bei ihm anzurufen versuchte, nur seine aufgezeichnete Stimme in der Leitung hatte, die sie aufforderte, eine Nachricht zu hinterlassen. Und einer Maschine von ihrer Entdeckung zu erzählen, das erschien ihr kaum befriedigend. Sie murmelte ein paar unfreundliche Worte und knallte den Hörer auf die Gabel. Wahrscheinlich war Markby bereits zur Arbeit gefahren. Sie würde später im Bezirkspräsidium anrufen.

Markby war nicht zum Präsidium unterwegs. Der Regen hatte aufgehört, obwohl es den Pfützen nach zu urteilen den größten Teil der Nacht geschüttet hatte. Doch jetzt war die Sonne hervorgekommen, und die nassen Mauern und der Asphalt der Straßen glitzerten, als wären sie übersät mit Flitter. Zumindest der Morgen versprach trocken zu bleiben. Die Wettervorhersage hatte sich wie gewöhnlich wieder einmal geirrt.

Der Garten des Pfarrhauses war nass und roch nach frischem Grün und fetter Erde. Eine Amsel war auf dem Rasen zugange und pickte Würmer heraus, die der Regen an die Oberfläche getrieben hatte. Pater Holland inspizierte seine Yamaha in der Garage.

»Hallo Alan«, begrüßte er Markby. Er wischte sich die Hände an einem ölverschmierten Lappen ab und fügte hoffnungsvoll hinzu:

»Irgendwelche Neuigkeiten?«

»Von Gordon? Ich fürchte nein. Ich hatte gehofft, Sie wüssten etwas.« Der Vikar schüttelte den Kopf.

»Nichts. Er ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich glaube langsam wirklich, dass der arme Kerl eine Dummheit gemacht hat.«

»Dann hätten wir inzwischen wahrscheinlich seinen Leichnam gefunden«, tröstete ihn Markby.

»Die Tatsache, dass wir nichts haben, lässt vermuten, dass er noch lebt und sich bewegt. Ich würde wirklich sehr gerne den Grund dafür wissen. Haben Sie schon gefrühstückt? Ich bin nämlich auf dem Weg zum Cottage der Lowes.«

»Ich komme mit Ihnen. Mrs. Harmer ist hier. Ich sage ihr nur eben Bescheid für den Fall, dass Gordon anruft.« Der Vikar eilte auf die Hintertür zu. Sie fuhren in Markbys Wagen zu der schmalen Straße, wo die Cottages standen, und parkten dort. Die unbefestigte Fahrbahn war übersät mit Schlaglöchern, die an diesem Morgen mit Wasser gefüllt waren. Der Abfall der Bewohner stand in großen Pfützen, und der Hund lag matt vor seiner Kistenhütte, zu voll gefressen, um mehr als ein symbolisches Kläffen von sich zu geben, als Markby und James Holland vorübergingen. Das Cottage der beiden Lowes war noch immer verlassen. Das Fenster, das Markby bei seinem letzten Besuch aufgebrochen hatte, war von der Polizei mit Brettern vernagelt worden und zeigte keine Spuren von neuerlicher Gewaltanwendung.

»Heute können wir uns auf zivilisierte Weise Zutritt verschaffen«, sagte Markby, nachdem das Hämmern gegen die Vordertür ergebnislos geblieben war.

»Ich habe den Schlüssel zur Hintertür.«

»Wo haben Sie denn den her?«, fragte Pater Holland neugierig, als Markby den altmodischen großen Schlüssel aus der Tasche zog.

»Aus Dennys Habseligkeiten. Er war in seiner Tasche. Ich bin sicher, Gordon hätte nichts dagegen, dass wir ihn benutzen. Besser, als noch einmal einzubrechen.« Das Cottage war noch genauso, wie sie es beim letzten Mal verlassen hatten. Nichts deutete darauf hin, dass in der Zwischenzeit ein Besucher in einem der Zimmer gewesen wäre. Die Luft roch abgestanden. Auf dem Boden unter dem Briefkastenschlitz lag Post. Markby hob sie auf und blätterte sie durch.

»Ein Totoschein. Werbepost. Ein Brief vom Finanzamt – viel Glück den beiden. Kein persönlicher Brief, nichts Handgeschriebenes.«

»Wer sollte den Lowes auch schreiben?«, entgegnete der Vikar einfach. Markby hob die beiden Gratis-Zeitungen auf, die ebenfalls auf dem Fußabtreter gelegen hatten, und legte sie zusammen mit der übrigen Post auf den kleinen Dielentisch.

»Ich denke, wir können davon ausgehen, dass Gordon in der Zwischenzeit nicht hier gewesen ist.«

»Und was machen wir jetzt?« Pater Holland sank auf einen wackligen Stuhl und legte die Hände auf die Knie.

»Er kommt bestimmt nicht hierher zurück. Ich spüre es in meinen Knochen.«

»Das ist die Feuchtigkeit, weiter nichts«, entgegnete Markby herzlos. Insgeheim begann er die Befürchtungen des Vikars zu teilen, doch er klammerte sich an die Hoffnung, dass Gordon noch immer lebte. Sie hatten die Felder und Wälder hinter den Cottages gründlich abgesucht, genau wie sämtliche Scheunen und Schuppen in der näheren Umgebung. Eine Leiche wäre entdeckt worden, keine Frage. Es sei denn natürlich, irgendjemand hatte sie vergraben. Wie es mit Kimberleys Leiche geschehen war. Und bei Kimberleys sterblichen Überresten hatte es zwölf Jahre gedauert, bis sie gefunden worden war. Markby hoffte inbrünstig, dass es bei dem verschwundenen Gordon nicht genauso endete. Und dass er nicht in die gleiche Falle ging wie die ermittelnden Beamten vor zwölf Jahren, die Kimberleys Verschwinden untersucht hatten und zu dem Schluss gekommen waren, dass es der jungen Frau aller Wahrscheinlichkeit nach gut ging und dass sie einfach von zu Hause weggelaufen war. Was nicht gestimmt hatte. Markby war sicher, dass Gordon nicht weggegangen war. Gordon Lowe war ein Landbewohner der alten Sorte und ein Gewohnheitstier obendrein. Das hier war sein Unterschlupf, seine Hütte. Hierher würde er irgendwann zurückkehren, falls er noch lebendig und wohlauf war. Je länger er verschwunden blieb, desto übler sah es damit aus. Eine andere Möglichkeit war, dass er unter Gedächtnisschwund litt. Und wenn schon – wo steckte er bloß?

»In Ordnung, James«, sagte er.

»Kommen Sie, wir probieren es bei der Nachbarin.« Die Frau war draußen im Garten, wie schon beim letzten Mal. Und wie beim letzten Mal hängte sie frisch gewaschene Wäsche auf – entweder, weil sie der wässrigen Sonne leichtfertig vertraute oder weil sie auf diese Weise ein Auge auf Markby und Holland werfen konnte, die in Gordons Hütte herumschnüffelten. Markby ging zum Zaun, der die beiden Grundstücke abtrennte.

»Guten Morgen! Wir suchen noch immer nach Gordon Lowe. Haben Sie ihn vielleicht gesehen?« Sie zog die Klammer aus dem Mund, die sie mit den Zähnen gehalten hatte, und antwortete:

»Gordon? Nein.«

»Haben Sie niemanden gesehen? Keinerlei Zeichen, dass irgendjemand sich um das Cottage herumgedrückt hat?«

»Steckt Gordon in Schwierigkeiten?«, fragte sie unvermittelt. Ihr Ton hatte einen misstrauischen Beiklang, nicht wegen Gordons Verschwinden, sondern wegen des Interesses, das die beiden Besucher dem jüngeren der Lowes entgegenbrachten.

»Nicht mit der Polizei, falls Sie das meinen. Wir denken, dass er seelisch sehr unter Druck steht. Wir möchten ihn finden. Wissen Sie, dass sein Bruder tot ist?«

»Ich habe von Dennys Selbstmord gehört.«

»Und hat es Sie nicht überrascht?«, fragte Markby plötzlich. Für einen Augenblick schien sie sprachlos. Dann sagte sie:

»Doch, eigentlich schon. Wissen Sie, die beiden Lowes waren nicht gerade das, was man gesellig nennt. Ich lebe seit fünfzehn Jahren Tür an Tür mit den beiden, und noch nie haben wir mehr miteinander gesprochen als ›Guten Morgen!‹ Trotzdem, ich hätte nicht gedacht, dass Denny hingehen und sich selbst erhängen könnte.«

»Also wirkte er nicht niedergeschlagener oder sorgenvoller als üblich?« Sie kaute nachdenklich auf ihrer Wäscheklammer.

»Eigenartig, dass Sie das fragen, weil es nämlich genau andersherum war. Beide sahen fröhlicher aus als gewöhnlich. Sie grinsten sich immer wieder zu, als ob sie sich über irgendetwas freuten, das nur die beiden wussten.«

»Und das geschah selten?«

»Schätze schon.« Sie wurde nervös wegen Markbys Fragen.

»Die beiden Lowes sind keine Leute, die ständig gelacht haben. Wie auch, bei ihrem Beruf, nicht wahr? Muss ziemlich deprimierend sein, den ganzen Tag Gräber zu graben. Nun ja, jetzt muss ich aber weitermachen. Hoffentlich finden Sie Gordon.« Markby kehrte zu dem wartenden Vikar zurück.

»Haben Sie das gehört? Was haben die beiden im Schilde geführt, was meinen Sie? Irgendetwas scheint sie amüsiert zu haben. Vielleicht wussten sie etwas? Ein gemeinsames Geheimnis oder so?«

»Was hätten die beiden denn wissen sollen?« Pater Holland sah Markby befremdet an.

»Sie waren wie Kinder. Völlig unverdorben und unkompliziert. Sie lebten tagaus, tagein das gleiche Leben. Aufstehen, zur Arbeit gehen – entweder Gräber ausheben oder gärtnern, nach Hause kommen, zu Abend essen, fernsehen, ein Pint im Pub vor dem Schlafengehen.« Markby stellte sich diesen einfachen Tagesablauf vor.

»Aber irgendwann sind sie vielleicht über etwas gestolpert. Sie waren einfache Männer, James, aber nicht geistig zurückgeblieben. Ich würde sagen, alle beide waren im Gegenteil sogar recht ausgeschlafen.«

»Denny vielleicht«, brummte Pater Holland, »aber Gordon nicht so sehr. O ja, Denny war ziemlich ausgeschlafen.« Markby blickte auf seine Armbanduhr.

»Ich lasse Sie beim Pfarrhaus raus und mache dann besser, dass ich weiterkomme. Ich will zu Bullen raus und mit ihm reden.« Pater Holland blickte ihn erschrocken an.

»Sie glauben doch wohl nicht, dass Bullen etwas Dummes angestellt hat?«

»Bullen ist alt«, entgegnete Markby geheimnisvoll.

»Ihm ist alles zuzutrauen.« Doch insgeheim machte er sich große Sorgen um den alten Mann. Die Verletzungen an Dennys Schädel deuteten auf Mord hin, nicht auf Selbstmord. Gordons Verschwinden sah ebenfalls nicht gut aus. Irgendjemand, irgendwo, aufgescheucht durch die Fortschritte ihrer polizeilichen Ermittlungen, hatte angefangen mögliche undichte Stellen zu eliminieren.

Nachdem er Pater Holland zum Pfarrhaus zurückgebracht hatte, rief Markby vom Wagen aus im Präsidium an und gab Bescheid, dass er später kommen würde. Er wollte nach Westerfield fahren.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«, erkundigte er sich.

Und erhielt zur Antwort, dass es nichts Neues gab und die einzige Nachricht für ihn von Mrs. Meredith Mitchell stammte. Er sollte sie anrufen.

Markby sah auf seine Uhr. Falls alles nach Plan lief, würde er sie anrufen, bevor er die Gegend verließ. Im Augenblick jedoch hatte er etwas anderes zu tun. Private Angelegenheiten mussten warten.

Als Markby vor den beiden Cottages der Old Farm ankam, wurde er vom Anblick Nat Bullens belohnt, der hinten in seinem Garten an seinem Kohlbeet herumwerkelte. Offensichtlich war ihm also noch nichts zugestoßen. Markby stieg aus und ging auf das Tor zu.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür der Walcotts, und Oscar schoss heraus. Er rannte über den Weg auf Markby zu, am einen Ende bellend, am anderen mit dem Schwanz wedelnd.

»Hallo Oscar!« Markby beugte sich über das Tor, um den Dackel zu begrüßen. Er sah auf und entdeckte Margaret Holden, die im Begriff stand, das Cottage der Walcotts zu verlassen und unter der Tür mit Evelyne Walcott redete.

Die beiden Frauen winkten ihm zu.

Markby erwiderte ihren Gruß. Margaret verabschiedete sich von Evelyne und kam zu ihm. Am Tor fragte sie:

»Sind Sie gekommen, um mich zu sprechen?«

»Ich wollte zu Bullen, nur mal nachsehen. Aber ihm scheint nichts zu fehlen.«

»Der arme alte Mann«, seufzte sie.

»Ich habe eben noch mit Evelyne über ihn gesprochen. Er wird von Tag zu Tag exzentrischer. Er spricht mit sich selbst. Ned und Evelyne haben ihn durch die Wände gehört.«

»Ich dachte, diese alten Cottages hätten ziemlich dicke Mauern?«

»Im Erdgeschoss, ja. Aber oben sind die Wände dünner. Direkt unter dem Dach sind sie nur noch eine Lage dick. Die Häuser sind sehr alt und haben keine modernen Fundamente. Deswegen sind die Wände unten ganz dick, wegen der Stabilität vermutlich. Und sie haben Bullen oben unter dem Dach gehört. Er hat in seinem Schlafzimmer geredet.«

»Das tue ich auch«, sagte Markby mit einem Grinsen. Sie lachte leise.

»Wir alle führen hin und wieder Selbstgespräche. Auch ich bin so eine Missetäterin. Aber das hier ist etwas anderes. Die Walcotts sagen, er wäre richtig laut geworden. Als hätte er sich mit sich selbst gestritten, meint Ned.«

»Wirklich?«, sagte Markby nachdenklich.

»Warum kommen Sie nicht vorbei und trinken eine Tasse Kaffee mit uns? Lars und Angie sind auch da.« Markby drehte sich nach Bullen in seinem Garten um, doch der alte Mann war im Innern seines Hauses verschwunden.

»Also schön. Aber ich kann nicht lange bleiben.«

Als Markby die Old Farm betrat, war nicht zu übersehen, dass Lars und Angie offensichtlich einen Streit gehabt hatten. Angie war weiß im Gesicht und hatte die Lippen zusammengepresst. Lars im Gegensatz dazu war rot angelaufen und sah aus, als hätte er gebrüllt.

Beide gaben sich Mühe zu tun, als freuten sie sich über Markbys unerwarteten Anblick.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Lars.

»Haben Sie den Totengräber bereits gefunden, Alan?«, fügte Angie hinzu.

»Es läuft alles nach Plan, und nein, wir haben Gordon Lowe noch nicht gefunden.« Margaret war in die Küche gegangen, um Kaffee zu organisieren. Lars blickte zur Tür.

»Diese dumme Geschichte geht Mutter sehr an die Nieren.«

»Tatsächlich?« Markby hatte eigentlich das Gefühl, dass Margaret ganz gut zurechtkam. Lars auf der anderen Seite sah entschieden mitgenommen aus, und Angies geschliffene Haltung zeigte erste Risse.

»Sie … sie macht sich Sorgen wegen meiner Laufbahn. Wegen der Auswirkungen, die negative Publicity haben könnte.«

»Das tun wir alle!«, schnappte Angie.

»Sie sagten, Alan«, Lars Holden starrte ihn flehend an, »Sie sagten, dass Sie meinen Namen aus der Sache heraushalten wollten.«

»Ich denke, das ist nicht ganz richtig«, protestierte Markby.

»Ich sagte, dass ich keinen Grund wüsste, warum Ihr Name erwähnt werden sollte, falls Sie nichts mit der Sache zu tun haben.« Angie stellte die gekreuzten Beine wieder nebeneinander und erhob sich.

»Ist das nicht ziemlich naiv?« Sie ging zu ihrer Handtasche und kramte darin nach Zigaretten. Als sie sich eine anzündete, sagte Lars nervös:

»Mutter mag nicht, wenn …«

»Das tut mir aber Leid«, unterbrach ihn seine Geliebte schnippisch. Sie blickte sich suchend um.

»Das ist also der Grund, aus dem nie ein verdammter Aschenbecher dasteht!« In diesem Augenblick kehrte Margaret Holden aus der Küche zurück. Sie hatte Angies letzte Bemerkung gehört und sagte leise:

»Warten Sie, ich hole Ihnen gleich einen Aschenbecher, Angela. Lars, Lieber, würdest du bitte das Fenster öffnen?«

»Dieser verschwundene Bursche, Gordon Lowe – ist er wichtig?«, fragte Lars, während er mit dem Fensterriegel hantierte. Als ihm bewusst wurde, dass die Frage ungeschickt formuliert war, verbesserte er sich hastig:

»Ich meine, ist er wichtig für Ihren Mordfall? Oder ist es eine ganz andere Sache? Wenn ich richtig informiert bin, hat sein Bruder Selbstmord begangen. Der andere, Gordon, leidet wahrscheinlich unter Amnesie. Ein Schock könnte die Ursache sein, oder?«

»Das stimmt. Doch wir glauben nicht, dass Denzil Lowe Selbstmord begangen hat. Es gibt Hinweise, die etwas anderes nahe legen.«

»Noch ein Mord?« Lars’ Stimme klang schrill und brüchig.

»Zur Hölle …« Rau sagte Angie Pritchard:

»Hat es denn irgendetwas mit diesem jungen Ding zu tun, dieser Kimberley Oates? Hören Sie, Alan, reden Sie wenigstens Klartext!« Markby musterte sie nachdenklich, bevor er antwortete.

»Vielleicht sollte ich Sie darum bitten, Angie! Sie haben Meredith besucht und erstaunliche und sehr schwer wiegende Anschuldigungen erhoben.« Lars und Angie sahen erschrocken zur Tür, durch die Margaret gegangen war, um den Aschenbecher zu holen.

»Um Himmels willen, Alan!«, zischte Lars Holden.

»Nicht hier! Mutter könnte uns hören!«

»Ich weiß, was ich zu Meredith gesagt habe.« Angie trotzte Markbys hartem Blick.

»Aber sie – Margaret – kann unmöglich den Totengräber aufgeknüpft haben! Dazu hat sie überhaupt nicht genügend Kraft, das sehe ich selbst.«

»Dazu besitzt Margaret nicht genügend Kraft, das stimmt.« Sie kam auf ihn zu, mit vor der Brust verschränkten Armen und gefährlich langer Zigarettenasche, die jeden Augenblick auf den Teppich zu fallen drohte.

»Was ich wissen möchte – was Lars wissen will – ist, wie groß sind die Schwierigkeiten, in denen wir stecken? Es wird doch wohl niemand versuchen, Lars auch noch diese Sache anzuhängen?«

»Hören Sie, Angie!«, Markbys Geduld näherte sich ihrem Ende.

»Niemand versucht hier, Lars irgendetwas in die Schuhe zu schieben! Ich verwahre mich gegen diese Unterstellung. So arbeiten wir nicht. Ich arbeite nicht so!« Sie beugte sich mit blitzenden Augen vor.

»Und ich verwahre mich gegen die Art und Weise, wie wir alle in die Mangel genommen werden! Lars hat dieses verdammte Mädchen nicht umgebracht, und den Totengräber schon gar nicht! Also sagen Sie mir, Alan, was Sie hier machen?« Von der Tür her erklang Margarets kühle, sachliche Stimme.

»Er ist zum Kaffee hergekommen, Angela, weil ich ihn eingeladen habe. Ich habe ihn eingeladen. Dies ist immer noch mein Haus.« Sie kam heran und stellte den Aschenbecher neben Mrs. Pritchard.

»Mehr noch, es wird für den Rest meines Lebens mein Haus bleiben.«

Als Markby kurze Zeit später langsam davonfuhr, dachte er über das nach, was Tolstoi über unglückliche Familien geschrieben hatte, dass ein jeder nach seiner Façon unglücklich war. Der Haushalt der Holdens war unglücklich, gleich wie man es betrachtete. Wahrscheinlich war es niemals anders gewesen, nicht einmal vor dem Auftauchen Angela Pritchards. Falls alles, was Ned Walcott erzählt hatte, der Wahrheit entsprach, und Markby hatte keine Veranlassung, an den Worten des Majors zu zweifeln, dann lebten die Holdens mit internen Spannungen, die andere Menschen vor vielen Jahren zu nervlichen Wracks gemacht hätten.

Er bog in die Hauptstraße ein, ohne sein gemütliches Tempo zu erhöhen, und hielt erneut vor den beiden Cottages an. Bullen war wieder in seinem Garten. Markby stieg aus und ging zu ihm.

»Wie geht es Ihnen, Nat?«

»Mir geht es sehr gut«, entgegnete Bullen mürrisch.

»Was wollen Sie? Sind Sie gekommen, um Ihren Kaninchendraht anzusehen?«

»Sie haben gute Arbeit geleistet, Nat.« Markby deutete auf den Zaun um das Kohlbeet herum.

»Ihre Freundin hat mir geholfen. Ich hab Ihnen nichts zu sagen.«

»Trotzdem würde ich mich gerne mit Ihnen unterhalten.« Markby sah zur offenen Hintertür.

»Vielleicht könnten wir nach drinnen gehen?« Bullen zögerte, doch schließlich gab er nach und führte Markby in seine Küche. Markby setzte sich an den Tisch und legte die verschränkten Hände vor sich.

»Eigentlich, Nat«, begann er, »möchte ich gar nicht mit Ihnen sprechen.«

»Oh?« Bullen fixierte Markby mit verbittertem Blick.

»Major Walcott wohnt ein Haus weiter, falls Sie zu ihm wollen.«

»Nein. Ich möchte mit Ihrem Gast sprechen, Nat.« Als Bullen schwieg, fuhr Markby fort:

»Ich möchte mit Gordon Lowe reden. Er ist oben, oder nicht?« Markby faltete seine Hände auseinander und deutete zur Decke.

»Also seien Sie ein guter Junge, Nat, und bitten Sie Gordon herunterzukommen, ja?«

Die Tatsache, dass es Meredith nicht gelungen war, Markby zu erreichen, war mehr, als sie ertragen konnte. Und weil es ein trockener Tag zu werden schien, zog sie einen dünnen Pullover über und spazierte zur Pfarrei. Vielleicht hatte James Holland ein paar Neuigkeiten.

Unterwegs stellte sie fest, dass es beinahe Mittag war. Sie betrat einen Supermarkt und erstand ein Paket von Hollands Lieblingsbiskuits. Die Schokoladenkekse in der Hand spazierte sie weiter, bis sie an der Ecke der Mauer angekommen war, die den alten Friedhof umgab.

Es war sehr still hier im älteren Teil der Stadt, wo es nur wenige Läden gab. Die Häuser versteckten sich hinter hohen Steinmauern. Die Bäume auf dem Friedhof blockten jeden Verkehrslärm vom Stadtzentrum ab. In diesem Viertel hatte sich in den letzten hundert Jahren kaum etwas verändert.

Einem Impuls folgend stieß sie das Tor zum alten Friedhof auf und ging zwischen den Reihen antiker Gräber hindurch. Zu schade, dass dieser Friedhof voll ist, dachte sie. Der neue Friedhof mit seinen wohl geordneten Gräberreihen war im Vergleich zu diesem hier klinisch steril. Wer heutzutage einen geliebten Verwandten beerdigen musste, der wurde von einer ganzen Flut von Verordnungen bezüglich Größe, Gestaltung und Inschrift erschlagen. Glücklicherweise war es nicht immer so gewesen, und der alte Friedhof war übersät mit Engeln, Urnen und klassischen Säulen. Eigenwillige Leitsprüche und Fragmente von Totengebeten verdeutlichten mehr als alles andere den Geschmack und die Lebenseinstellung vergangener Generationen mit ihrer ständigen Bewusstheit von Tod und Jenseits. Letzteres wohl hauptsächlich deswegen, dachte Meredith traurig, weil sie so fest daran geglaubt haben. Wie viele Menschen glaubten heutzutage noch?

Die Absperrung um das Gresham-Grab war entfernt worden, und man hatte es wieder zugeschüttet. Frische Erde bildete einen kleinen Hügel, der nach und nach einsinken würde. Der Grabstein war ebenfalls wieder aufgestellt worden, doch der starke Regen der letzten Zeit hatte den bereits weichen Boden noch mehr durchnässt, und so war der Stein schon wieder nach vorn gesunken. Er musste wohl oder übel ein weiteres Mal gerichtet werden.

Es wäre besser gewesen, ihn vorläufig wegzulassen, dachte Meredith. Bis der Boden sich wieder verdichtet hat. Eine Arbeit für Gordon Lowe, wenn er endlich wieder aus der Versenkung auftauchen würde.

Das Gefühl, nicht allein zu sein, wurde stärker und stärker. Auf alten Friedhöfen überkam es Meredith immer, doch niemals so deutlich wie hier und jetzt. Die Bäume raschelten, das Gras wiegte sich sanft im Wind. Der Regen hatte die Kosmosblumen niedergedrückt, und ihre weißen und lilafarbenen Blüten lagen am Boden. Hinter Meredith ertönte ein schniefendes Geräusch wie von einem Vieh. Sie wandte sich um und erblickte Derek Archibald, kaum zwei Meter entfernt. Er hatte sich herangeschlichen und sie heimlich beobachtet. Das Paket Schokoladenbiskuits entglitt Merediths Fingern und landete im nassen Gras.

»Hallo, Mr. Archibald«, sagte sie lahm.

KAPITEL 19

»WOHER WUSSTEN

Sie, dass ich hier bin?«, fragte Gordon.

Sie waren auf dem Rückweg nach Bamford. Gordon auf dem Beifahrersitz sah bleich aus. Er hatte sich seit einigen Tagen nicht mehr rasiert und schien auch nicht viel geschlafen zu haben. Von Zeit zu Zeit rieb er seine nikotinfleckigen Finger nervös gegeneinander.

»Wusste ich nicht«, antwortete Markby.

»Jedenfalls nicht bis heute Morgen. Wir haben überall nach Ihnen gesucht. Ich konnte nicht verstehen, wieso wir nicht die geringste Spur fanden, überhaupt nichts. Dann erfuhr ich, dass die Walcotts gehört hatten, wie der alte Nat Bullen in seinem Schlafzimmer Selbstgespräche führte – keine gewöhnlichen Selbstgespräche, sondern laute, argumentative Streitereien. Also dachte ich bei mir, wenn ich an Gordons Stelle wäre und mich irgendwo verstecken wollte, wo mich ganz bestimmt niemand suchen würde, dann gäbe es keinen besseren Ort als bei Nat Bullen. Jeder wusste, dass er lebenslang ein Rivale, mein Rivale, war und niemals ein gutes Wort für mich oder meine Familie gefunden hatte. Niemand würde bei Nat Bullen nachsehen. Die einzige Frage, die jetzt noch offen ist: Wie haben Sie den alten Bullen überreden können, Sie bei sich aufzunehmen?«

»Ich bin noch in der gleichen Nacht … in der Nacht, als Denny … als ich Denny im Schuppen fand. Zuerst bin ich nach Hause gegangen, aber ich hatte Angst. Ich wusste, dass ich nicht dort bleiben konnte. Also bin ich rüber zu Nat gegangen und hab an sein Fenster geklopft. Es war schon spät, aber er hat aufgemacht und gefragt, was ich wollte. Ich hab ihm erzählt, dass Denny tot ist. Ich hab gesagt, dass ich allein sein und von niemand gestört werden wollte. Ich hab ihn gefragt, ob ich eine Weile bei ihm bleiben könnte.«

Gordon kramte mit den Händen in seinen Taschen, als suchte er nach Zigaretten. Doch der Sicherheitsgurt war im Weg, und er legte die Hände zurück in den Schoß.

»Zuerst wollte er nicht, obwohl er anständig war wegen Denny und keine bösen Sachen gesagt hat. Dann hab ich zu ihm gesagt: ›Bestimmt werd’ ich jetzt Hilfe beim Graben brauchen, Nat. Du kannst mir wahrscheinlich hin und wieder mal zur Hand gehen.‹«

Markby kicherte leise. Gordon und Denny besaßen beide eine Bauernschläue, die jede fehlende Schulbildung und jeden Mangel an Welterfahrenheit kompensierte. Es war genau das, was Bullen sich mehr als alles andere auf der Welt wünschte – seine alte Arbeit. Und Gordon hatte es skrupellos ausgespielt. Er musste wissen, wie unwahrscheinlich es war, dass der Stadtrat, der Gordons Lohn zahlte, Nat Bullen als Ersatz für Denzil Lowe zustimmte. Bullen war weit über das Rentenalter hinaus.

Gordon drehte sich in seinem Sitz zu Markby um und stemmte sich gegen den beengenden Sicherheitsgurt. Sie hatten die Vororte von Bamford erreicht, und der Anblick der vertrauten Gebäude schien auf ihn zu wirken wie ein elektrischer Schock. Er verdrehte die Augen und schüttelte sich vor Anspannung am ganzen Körper. Die Furcht war ihm deutlich anzumerken.

»Ich geh nicht wieder in mein Haus! Ich kann nicht dahin zurück!«

»Ganz ruhig, Gordon.« Markby fuhr langsamer.

»Ich bringe Sie nirgendwohin, wo Sie nicht hinwollen. Was halten Sie von der Pfarrei? Dort sind Sie sicher, oder nicht? Pater Holland lässt Sie sicherlich über Nacht dort schlafen. Wenn nicht, kann ich Ihnen einen sicheren Ort besorgen. Wir werden Sie beschützen, Gordon. Aber Sie müssen mir erzählen, wovor Sie Angst haben. Ich muss alles wissen! Wie kann ich Sie sonst beschützen?«

Gordon schüttelte heftig den Kopf.

»Ich kann nicht … er wird mich finden!«

»Wer ist er?« Ärgerlich und in schärferem Tonfall fügte Markby hinzu:

»Sie können sich nicht ewig verstecken, Gordon! Packen Sie endlich aus, damit wir es hinter uns bringen!«

»Was machen Sie hier?«, fragte Meredith beunruhigt. Dereks kleine Schweinsäuglein glitzerten tückisch.

»Das Gleiche könnte ich Sie auch fragen. Ich hab Sie durch die Stadt wandern sehen und bin Ihnen gefolgt. Schnüffeln Sie schon wieder rum oder was?«

»Ich … ich habe nur …« Sie blickte sich gehetzt um. Der Friedhof lag verlassen.

»Ich interessiere mich für die alten Inschriften. Wegen des Artikels, von dem ich Ihnen erzählt habe. Den ich schreiben wollte …«

»Blödsinn!«, schnaubte er abfällig.

»Diesen Mist hab ich nicht eine Sekunde lang geglaubt! Nicht einmal, als Sie in meinen Laden gekommen sind mit Ihrer Geschichte. Der junge Gary vielleicht, aber mich legen Sie nicht so einfach herein! Danach sind Sie bei meiner Frau gewesen, und dann wusste ich Bescheid. Sie waren in meinem Schuppen, letzte Nacht, oder nicht?« Sie wollte es bestreiten. Er konnte nur geraten haben, oder? Doch als hätte er ihre Gedanken gelesen, schüttelte Archibald den Kopf und zog die heruntergefallene Taschenlampe hervor. Er hielt sie hoch und fuhr fort:

»Dieses kleine Ding lag heute Morgen auf dem Boden. Im Dach war ein Loch … Und hier sehe ich …« Er drehte die Taschenlampe zu ihr hin und deutete mit einem Wurstfinger auf die Stelle.

»… hier sehe ich ein eingeritztes M. M. Das muss die Frau sein, die vor ein paar Tagen in deinem Laden war, hab ich mir gedacht. Mitchell und noch irgendwas, das mit M anfängt.«

»O verdammt …«, murmelte Meredith. Sie hatte ganz vergessen, dass sie ihre Initialen in die Taschenlampe geritzt hatte. Jetzt erinnerte sie sich nicht einmal mehr an den Grund dafür. Was sollte sie jetzt tun? Den Mann am Reden halten und hoffen, dass in der Zwischenzeit jemand auf den Friedhof kam?

»Sie sollten zur Polizei gehen, Mr. Archibald«, sagte sie.

»Erzählen Sie ihr alles. Irgendwann findet sie es sowieso heraus.«

»Warum sollte sie? Niemand hätte irgendwas herausgefunden, wenn Sie nicht geschnüffelt hätten!« Er schnitt eine Grimasse.

»Sie haben schließlich zwölf Jahre lang nichts herausgefunden, oder?« Wut stieg in ihr auf.

»Was für ein abscheuliches Verbrechen!«, rief sie.

»Ein junges Mädchen auf diese Weise zu ermorden! Wussten Sie, dass sie schwanger war? War das der Grund, warum Sie es getan haben? Hatten Sie Angst, die Leute könnten herausfinden, dass Sie der Vater ihres Kindes sind? Und all das, was vorgegangen ist? Der Missbrauch, seit sie ein Kind war? Die arme kleine Kimberley, wie alt war sie, als Sie …?« Archibalds Ausdruck hatte sich geändert. Die Drohung war Verwirrung und Schock gewichen. Sinkenden Mutes wurde Meredith bewusst, dass sie tatsächlich irgendwo in der Kette ihrer Schlussfolgerungen einen logischen Fehler begangen hatte. Sie lag vollkommen falsch. Was auch immer geschehen war, es war ganz anders gewesen. Dumpf, wie durch einen langen Tunnel hindurch, schwante ihr die Wahrheit. Sie verfluchte sich für ihre unbeholfene Interpretation der Fakten. Es war nicht so einfach und eindeutig, wie es im ersten Augenblick schien. Das musste sie doch inzwischen wirklich wissen! Derek Archibald hatte seine Stimme wiedergefunden.

»Ich habe sie nicht umgebracht! Was denn, meine eigene Tochter ermorden? Meine süße kleine Tochter! Meine Kimberley?« Bedrückt sagte Meredith:

»Es war nicht Kimberley, die Sie missbraucht haben. Es war Susan. Susan Oates, Kimberleys Mutter. Sie haben Susan geschwängert, und das Baby war Kimberley, Ihre Tochter!« Archibald machte einen Schritt auf Meredith zu. Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn, und er starrte sie eindringlich an.

»Seit hundert Jahren gibt es einen Metzger Archibald in der Stadt! Aber meine Frau und ich, wir hatten keine Kinder! Hundert Jahre war das Geschäft im Familienbesitz, und niemand mehr war übrig, der es hätte übernehmen können! Wenn ich sterbe, wird es an irgendjemand Fremden verkauft! Sie werden wahrscheinlich etwas anderes daraus machen, einen Souvenirladen oder ein Fernsehgeschäft oder irgendeinen modernen Mist verkaufen! Sie hat mir gesagt, Susan hat mir gesagt, dass das Baby von mir sei! Ich wusste, dass sie außer mir noch andere Freunde hatte, aber sie schwor, dass das Baby von mir war. Eine Mutter weiß das, oder nicht? Selbst wenn sie mit anderen Männern zusammen war, sie weiß, wer der Vater ist?« Jetzt war nicht der Zeitpunkt, um Dereks Glauben an dieses Stück Aberglauben zu zerstören. Derek Archibald hatte Susan vom ersten Augenblick an geglaubt, seit sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger sei. Das Wissen, dass er ein Kind besaß, selbst wenn es unehelich war, hatte ihn jahrelang getröstet. Susan hatte wahrscheinlich gehofft, Geld aus ihm herauspressen zu können. Vielleicht stimmte es sogar, und er war tatsächlich Kimberleys Vater gewesen. Wie dem auch sei, er hatte es geglaubt. Und als Susan nach Wales davongelaufen war und ihr Kind zurückgelassen hatte, war Kimberley nicht nur bei der Großmutter geblieben, sondern in direkter Nachbarschaft zu ihrem natürlichen Vater. Wenn Joan Oates nicht zurechtgekommen wäre, dann hätte Derek Archibald ihr Susans Gedankengängen zufolge wahrscheinlich unter die Arme gegriffen und irgendein Arrangement gefunden. Doch die ehrbare Mrs. Tempest geborene Oates hatte Markby kein Wort davon gesagt. Sie besaß nicht die Absicht, ihren Kindern in Wales zu erklären, dass der Vater ihrer Halbschwester noch am Leben und heute ein wenig ansehnlicher Metzger war. Mehr noch, Derek hätte in Wales vor ihrer Tür auftauchen und Erklärungen fordern können. Er redete weiter.

»Sie war so ein süßes kleines Ding, meine Kimberley. Ich bin mit ihr spazieren gegangen, habe ihr Eiskrem und Süßigkeiten gekauft. Natürlich durfte ich nicht sagen, dass sie meine Tochter war. Niemand durfte es wissen. Aber ich war trotzdem verrückt nach ihr. Joan Oates hatte nicht genügend Geld, um ihr Spielsachen und andere Kleinigkeiten zu kaufen, und ich konnte einspringen. Mein Schuppen, hinter dem Geschäft, dorthin habe ich sie immer mitgenommen, und dort hat sie gespielt. Es war unser kleines Haus, ihres und meines, dort waren wir eine Familie.«

»Ich verstehe«, sagte Meredith und wusste doch, wie unzulänglich es klingen musste. Sein breites Gesicht lief rot an.

»Nichts verstehen Sie, gar nichts! Wie könnten Sie auch? Sie war mein kleines Mädchen! Alles andere spielte keine Rolle – nichts spielte eine Rolle! Ich hatte sie. Sie war mein Stolz und mein Glück. Das ist kein leeres Gerede! Es war wirklich so! Sie war alles für mich!« Er schüttelte den runden Kopf, und seine schweineähnlichen Gesichtszüge verzerrten sich zu einer Fratze des Schmerzes.

»Als Kim größer wurde, veränderte sie sich. Joan Oates hatte sie nicht genau genug im Auge, und ich konnte nichts tun! Sie geriet in die Klauen dieser Holdens. Reiche Leute. Kim ging mit dieser Partyfirma zu ihrem großen Haus, und dort hat sie diese Holdens kennen gelernt. Mr. Holden, der alte Mann, nicht dieser großkopferte junge Politiker, er hat ihr Geld gegeben. Oder vielleicht hat er auch das Geld seinem kleinen Speichellecker gegeben, diesem Major Walcott! Hat ihm das Geld gegeben, damit er es Kim gab. Kim kam zu mir und hat gesagt, dass sie weggehen würde! Sie hätte genug Geld. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen! Kim wollte mich verlassen und mein Enkelkind mitnehmen? Ich sagte ihr, dass sie am Nachmittag in den Schuppen kommen sollte, und wir würden darüber reden. Es war ein Mittwoch, und wir hatten nachmittags zu, wie immer. Niemand würde uns stören, wir wären ganz allein.« Derek winkte mit einer dicken Hand; es war eine Geste der Verzweiflung.

»Ich hätte Geld zusammengekratzt. Ich hätte mich um sie gekümmert! Das habe ich ihr am Nachmittag im Schuppen gesagt. Dass ich mich um sie und ihr Baby kümmern würde. Es wäre schließlich mein Enkelkind! Ich habe ihr gesagt, ich würde mein Testament ändern und das Geschäft ihr und ihrem Kind vermachen. Es war einiges wert, eine Immobilie wie mein Geschäft in der Hauptstraße! Sie konnte jemanden einstellen, der es für sie führte. Ich versprach ihr alles, was ich hatte, wenn sie es sich nur noch einmal überlegen würde. Wenn sie bleiben würde! Sie würde es nicht bedauern! Sie sagte, sie würde noch einmal darüber nachdenken, was auf ein Ja hinauslief. Sie hätte schon gesehen, wie gut ich für sie und ihr Baby gesorgt hätte!« Tränen rannen aus den kleinen Augen. Es war kein erbärmlicher Anblick, sondern wirkte irgendwie grotesk, und Meredith konnte ein Gefühl des Abscheus vor Derek Archibald nicht unterdrücken.

»Ich ging zuerst; ich wollte nicht, dass jemand uns zusammen aus dem Geschäft kommen sah. Ich ließ sie im Schuppen zurück. Ich hab sie nie wieder lebendig gesehen. Als ich zu Hause ankam, war meine Frau gegangen. Mit ihrer Gesundheit stand es noch nicht so schlimm wie heute, trotzdem ging sie nicht viel nach draußen, und in meinem Magen klumpte sich alles zusammen. Ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Meine Frau kam circa eine halbe Stunde später wieder heim. Sie sah seltsam aus. Sie hielt etwas unter dem Mantel versteckt. Sie ging in die Küche und nahm es heraus. Es war ein Messer aus dem Laden. Es war Blut daran.« Dereks Stimme wurde leiser, und beinahe unhörbar angesichts der Erinnerung dieses schrecklichen Augenblicks fuhr er fort:

»Ich hab sie gefragt, was sie getan hat. Sie sagte, sie hätte es immer gewusst. Sie hätte schon vor langer Zeit herausgefunden, dass Kimberley meine Tochter war. Sie hatte gesehen, wie Kim am Nachmittag das Haus verlassen hatte, und kurze Zeit später ging ich ebenfalls. Also dachte sie sich, dass etwas vorging. Sie folgte mir zum Schuppen und lauschte draußen. Sie hörte, wie ich Kim anflehte zu bleiben. Wie ich versprach, mein Testament zu ändern. Sie hörte mich über mein Enkelkind reden. Dann versteckte sie sich, und nachdem ich gegangen war – sie … sie ging in den Schuppen und tötete meine Kimberley. Sie hat sie abgestochen, mit einem Schlachtermes ser. Wie ein Stück Vieh. Mein kleines Mädchen …« Tränen schossen ihm in die Augen und rannen über die flachen Wangen. Er schüttelte sich wie ein verwundetes Tier.

»Ich rannte wie ein Verrückter zum Schuppen zurück, in der Hoffnung, noch rechtzeitig zu kommen und sie zu retten. Ich kam zu spät. Sie lag dort, über und über mit Blut bedeckt! Ihre Arme waren zerschnitten und ihr Kleid aufgeschlitzt. Es war, als hätte sie sich zusammengerollt, um ihr Baby zu schützen. Ihre Augen waren geöffnet, und ich dachte, dass sie vielleicht noch am Leben war – aber sie war tot. Ich rief ihren Namen und versuchte sie aufzusetzen und das Blut abzuwischen. Aber es half nichts. Sie war tot … Sie lag ermordet in ihrem kleinen Puppenhaus, in dem sie als Kind gespielt hatte, und meine Frau hatte es getan!«

»Das tut mir Leid …«, flüsterte Meredith. Er trat einen Schritt vor und schüttelte den Kopf.

»Niemand durfte etwas erfahren. Also ging ich nach Hause zurück und nahm ein Stück Stoff, das meine Frau gekauft hatte, um Vorhänge zu nähen. Ich nahm es mit zum Schuppen und wickelte mein kleines Mädchen darin ein. Ich wusste, dass ich sie irgendwo verstecken musste, wo niemand sie finden würde. Die Fliegen waren bereits da, als ich wieder beim Schuppen ankam. In einer Metzgerei sind immer Fliegen. Sie riechen das Blut. Sie rochen ihr Blut, obwohl ich alles abgewischt hatte. Ihr Kleid war durchtränkt damit. Ich wickelte sie in den Stoff ein, um die Fliegen von ihr fern zu halten.« Archibald kramte in der Brusttasche seines Mantels.

»Sie werden niemandem weitersagen, was Sie gehört haben. Sie müssen sterben. Ich kann es nicht ändern. Sie hätten nicht spionieren sollen …« Unter dem Mantel kam ein Schlachterbeil zum Vorschein. Das Licht glitzerte auf dem geschliffenen Stahl, als er sich entschlossen in ihre Richtung bewegte. Meredith wandte sich ab und rannte über den nassen Boden davon in Richtung Tor, Straße und Sicherheit. Doch er war schneller. Sie hätte nicht gedacht, dass er sich so schnell bewegen könnte. Er war direkt hinter ihr, und sein Atem streifte ihren Nacken. Sie warf sich zur Seite, als er mit dem Beil zuschlug. Er verfehlte sie und fluchte wütend. Sie wollte zum Tor, doch er war jetzt so nah, dass er sie am Hals packte. Meredith wand sich los. Er schlug erneut mit dem Beil nach ihr, und diesmal traf die Klinge einen Grabstein. Es gab ein lautes, nervenzerfetzendes Klirren von Stahl auf Stein. Meredith duckte sich und änderte erneut die Richtung. Sie rannte über einen aufgeweichten Pfad, den Polizisten und Schaulustige zwischen den Gräbern hindurch getrampelt hatten, bis sie wieder beim Gresham-Grab angekommen war. Es lag vor ihr und versperrte mit dem frisch aufgeworfenen Erdhügel den Weg. Mit einem wilden Satz sprang sie darüber hinweg. Doch der Boden auf der anderen Seite war schlüpfrig, und als sie auf kam, rutschten ihre Füße unter ihr weg. Mit einem überraschten Aufschrei landete Meredith auf allen vieren quer über dem Grab. Sie wollte sich hochrappeln, als Derek Archibalds Schatten über sie fiel. Voller Entsetzen sah sie nach oben. Er hatte den Arm mit dem Schlachterbeil gehoben, und die Klinge glitzerte tückisch in einem dünnen Sonnenstrahl. Als der Arm auf sie niedersauste, packte sie ihn und versuchte ihn festzuhalten. Doch Archibald war um einiges stärker. Sein rotes, schwitzendes Gesicht war zu einer irren Fratze verzerrt. Die rasiermesserscharfe Klinge des Beils kam näher und näher. Ein Bild zuckte durch Merediths entsetztes Gehirn, von Derek in seinem Laden, wie er mit eben diesem Beil einen Klumpen Fleisch zerteilte und Knochen, Knorpel, Sehnen und Muskeln in einem einzigen geübten Schlag durchtrennte. Falls er sie mit dieser Waffe in seiner geübten Hand traf, würde er ihr wahrscheinlich den halben Kopf abschlagen. Und dann, unvermittelt, geschah etwas Unheimliches. Etwas, das Meredith im ersten Augenblick nicht verstehen konnte. Sie versank. Je mehr sie sich anstrengte, um Derek wegzustoßen, desto unmöglicher wurde es, weil beide einsanken. Sie sah, wie Verblüffung dem Ausdruck von Wut auf seinem Gesicht wich. Dann wurde ihr bewusst, was ringsum geschah. Die weiche frische Erde auf dem Grab gab unter ihrem kombinierten Gewicht nach, und Meredith und Derek Archibald sanken gemeinsam in das Gresham-Grab. Derek erkannte die Gefahr. Er wollte zurück und kämpfte um sein Gleichgewicht, doch er war schwer, und seine Füße fanden keinen Halt. Er ließ das Schlachterbeil fallen, fuchtelte mit den Armen in der Luft und bekam den Grabstein zu packen. Doch der Grabstein selbst geriet in Bewegung. Er kippte nach vorn und traf Archibald seitlich am Kopf. Derek fiel auf Meredith und der Grabstein auf ihn. Sie saß fest, unter ihr weiche Erde, über ihr Archibald und der Stein. An der Seite neben dem Bewusstlosen sah sie einen Streifen Tageslicht, doch das war auch schon alles. Stille breitete sich aus, und Meredith hörte nur noch ihr gequältes Atmen. Das Erdreich ringsum hatte sich ihrer Körperform angepasst und verhinderte auf diese Weise, dass Archibald und der Stein sie erdrückten. Es war, als läge sie auf einer weichen Matratze. Doch Archibald war größer als das Loch, in das Meredith versunken war, und auf ihm lag der Stein. Die Erde zu beiden Seiten stützte ihn ein wenig ab und nahm den Druck von Merediths Brust. Sie konnte atmen. Aber wie lange noch? Steine und Erdreich rutschten neben ihrem Kopf herab. Die regennassen Seiten gaben unter der Last nach. Unter Meredith verdichtete sich der Erdboden ein Stückchen mehr, und sie sank einen weiteren Zentimeter tiefer. Neben ihrem Ohr wand sich etwas Kaltes, Glitschiges. Ihre suchenden Finger ertasteten nasses Erdreich und Gott weiß was sonst noch.

»Nur keine Panik!«, sagte sie sich. Doch ein Augenblick höchster Anstrengung verriet ihr, dass es sinnlos war. Vielleicht hätte sie sich von der Last Derek Archibalds befreien können, doch nicht vom vereinten Gewicht des bewusstlosen Metzgers und des Marmorgrabsteins zugleich, der sie beide gefangen hielt. Sie waren gemeinsam lebendig begraben. Gordon hatte ein volles Glas von Pater Hollands medizinischem Brandy in der Hand. In der anderen hielt er eine Zigarette. Mit einer Armesündermiene sagte er:

»Tut mir Leid Reverend, wegen der Probleme, die ich Ihnen gemacht ha be.«

»Wir haben uns nur Sorgen um Sie gemacht, Gordon!« antwortete der Vikar.

»Warum sind Sie nicht zur Pfarrei gekommen?«

»Ich dachte, er würde herkommen und nach mir suchen.«

»Wer, Gordon?« Gordon verdrehte die Augen.

»Er«, flüsterte er heiser. Pater Holland öffnete den Mund, doch Markby brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Fangen Sie ganz vorne an, Gordon. Erzählen Sie uns alles. Nehmen Sie sich Zeit, aber lassen Sie nichts aus, in Ordnung?«

»In Ordnung«, murmelte Gordon. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und riss sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen.

»Die Vorstellung, Gräber auszuheben, schreckt viele Leute ab. Sie möchten nicht darüber nachdenken. Wir haben sie nervös gemacht. Sie hielten sich von uns fern. Denny und ich haben uns nie daran gestört. Wir gingen jeden Abend auf ein oder zwei Pints ins Pub. Regelmäßig. Es machte uns nichts aus, wenn niemand mit uns sprach. Wir saßen einfach nur da und tranken unser Bier. Wir haben niemanden belästigt, und niemand hat uns belästigt.« Pater Holland wurde bereits wieder nervös, und Markby warf ihm einen warnenden Blick zu. Männern wie Gordon musste man Zeit geben, damit sie ihre Geschichte auf ihre eigene Weise erzählten.

»Nach einer Weile hatten sich die anderen Gäste an uns gewöhnt.« Gordon hob den Blick und sah Markby und den Vikar gehetzt an.

»Sie nahmen keine Notiz von uns. Es war, als wären wir überhaupt nicht da, Denny und ich. Die Menschen haben vor unserer Nase geredet, als wären wir Möbel. Wir hörten sie miteinander flüstern. Wir hörten allen möglichen Klatsch. Wir saßen nur still da und hörten zu. Manchmal war es richtig in teressant«, fügte Gordon naiv hinzu. Interessant und für den armen Denny tödlich, dachte Markby.

»So erfuhren wir auch von Derek Archibald, dem Metzger. Kennen Sie ihn?«

»Sprechen Sie weiter, Gordon …« Zur Hölle, dachte Markby. Ich hätte mir diesen Archibald genauer ansehen sollen!

»Wir erfuhren von seinen kleinen Gewohnheiten. Die Menschen tuschelten über ihn und kicherten heimlich. Er hat wohl diese Heftchen gekauft mit den nackten Frauen darin. Er ist immer nach London gefahren und hat seiner Frau erzählt, er würde nach Smithfield gehen, zu dem großen Fleischmarkt, doch in Wirklichkeit hat er sich in Soho herumgetrieben und so. Wo es die schicken Nutten gibt und diese Shows, wo die Frauen ihre Kleider ausziehen. Sie wissen schon.«

»Wir wissen, ja, Gordon«, sagten der Vikar und Markby unisono, und Pater Holland fügte hastig hinzu:

»Glaube ich jedenfalls!«

»Die Leute glauben, dass er etwas mit den jungen Mädchen gehabt hat, die im Nachbarhaus lebten. Zuerst mit der Mutter, dann mit der Tochter. Die ältere von beiden, Susan hieß sie wohl, sie hat ein Kind bekommen, und dann ist sie weggelaufen, und niemand hat sie je wieder gesehen. Derek hat das Kind mit sich genommen und ihm Süßigkeiten und Spielsa chen und so weiter gekauft.« Gordon nahm einen Zug von seiner Zigarette und räusperte sich entschuldigend.

»Und als Denny und ich gehört haben, dass die Knochen, die wir im Gresham-Grab gefunden hatten, der jungen Kimberley gehörten, da dachten wir uns, dass der Metzger Archibald eigentlich wissen müsste, wie sie dorthin gekommen sind!«

»Und Archibald war damals Mitglied im Kirchenvorstand!«, stöhnte Pater Holland zu sich selbst.

»Und was haben Sie dann gemacht, Gordon?«, erkundigte sich Markby mit leiser Stimme. Gordons Verlegenheit nahm zu.

»Verstehen Sie, Denny und ich, wir machen uns am Wochenende immer einen schönen Sonntagsbraten. Er reicht fast eine ganze Woche lang. Ich drehe die Reste durch den Fleischwolf und so. Aber Fleisch ist wirklich teuer geworden.« Pater Holland murmelte:

»O nein …!«

»Also ging Denny zu Archibald dem Metzger und sagte ihm, was wir dachten. Er sagte, Derek müsse sich keine Sorgen machen, dass wir zur Polizei gehen würden.« Gordon warf Markby einen scheuen Blick zu.

»Tut mir Leid, Mr. Markby. Jedenfalls sagte Denny zu ihm, dass wir nichts weiter wollten als samstags eine hübsche Lammkeule oder einen Schweinebraten für den Sonntag. Derek war Metzger. Es war nicht zu viel verlangt. Er hätte uns das Fleisch geben können. Er hätte es nicht einmal bemerkt.« Markby und der Vikar wechselten Blicke. Jeder wusste, was der andere dachte. Es war eine ganze Menge zu viel verlangt. Denny hätte Archibald nach Geld fragen sollen. Nicht nach Fleisch. Die Metzgerei Archibalds hatte nicht als Familienbetrieb hundert Jahre in der Stadt überlebt, indem sie Fleisch verschenkte.

»Ein hübsches walisisches Lamm hat er uns versprochen«, murmelte Gordon.

»Denny sollte ihn beim Schuppen treffen. Auf dem alten Friedhof.« Gordon verbarg das Gesicht in den Händen.

»Also schön, Gordon«, sagte Markby leise.

»Ich bringe Sie jetzt zur Bamforder Wache, und dort werden Sie das Ganze zu Protokoll geben. Erzählen Sie den Beamten alles noch einmal, alles, was Sie uns gesagt haben, und unterschreiben Sie es anschließend, ja? Danach werden wir Sie in einem Hotelzimmer einquartieren, bis wir Derek Archibald gefunden haben.« Gordon drückte die Zigarette aus und stellte das leere Glas ab. Er sah erleichtert aus, weil er sich die Geschichte endlich von der Seele geredet hatte. Trotzdem schien ihn noch immer etwas zu bedrücken.

»Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, Mr. Markby, wenn wir vorher etwas anderes erledigen könnten. Falls Pater Holland nichts dagegen hat. Ich weiß, ich habe kein Recht, darum zu bitten, nach all dem Ärger, den ich Ihnen gemacht hab …«

»Nur zu, Gordon, fragen Sie«, ermutigte ihn Pater Holland.

»Es ist der Schuppen … unser Schuppen auf dem Friedhof, wo wir das Werkzeug aufbewahren. Ich weiß, dass ich früher oder später dorthin zurückmuss. Aber wenn es soweit ist, sehe ich Denny dort hängen. Ich weiß nicht, ob ich das ertrage. Vielleicht könnten wir auf dem Weg zur Polizei einen kurzen Abstecher zum Friedhof machen, Mr. Markby, und ich werfe einen kurzen Blick hinein, während Sie und der Vikar bei mir sind? Ich weiß, ich schaff ’s, wenn Sie mir helfen. Dann ist es nicht mehr ganz so schlimm, wenn ich das nächste Mal allein in den Schuppen geh.«

Zu dritt marschierten sie über das nasse Gras zu dem Schuppen auf dem alten Friedhof. Pater Holland sprach Gordon unterwegs Mut zu. Markby war stumm. Sein Verstand war mit der Planung der Dinge beschäftigt, die als Nächstes zu tun wären.

Sie kamen beim Schuppen an, und Gordon öffnete die Tür. Er blickte unsicher hinein und trat schließlich ein. Sie warteten. Nach einer Weile kam er wieder heraus und schloss die Tür.

»Danke, Mr. Markby«, sagte er.

»Jetzt geht es wieder. Jetzt können wir zur Wache fahren.«

»Sind Sie sicher, Gordon?«, erkundigte sich Pater Holland besorgt.

»Ja, ich bin … was ist das?« Alle lauschten.

»Ich dachte, ich hätte eine Stimme gehört«, flüsterte Gordon.

»Hören Sie, Reverend, kann es sein, dass Denny mich aus dem Jenseits gerufen hat?«

»Falls ja«, sagte Markby, »dann höre ich ihn jedenfalls auch.« Jetzt war eine leise Stimme zu hören, die in höchster Not schrie.

»Es kommt von irgendwo dort drüben!«, rief der Vikar aus. Sie rannten in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

»Es ist beim Gresham-Grab!«, rief Markby.

»Der Stein ist wieder umgefallen …«, ächzte der Vikar, während er den Saum seiner Soutane gerafft hielt und über Erdhügel und marmorne Randeinfassungen sprang. Unter dem umgesunkenen Grabstein ertönte von neuem die schwache Stimme.

»Hilfe! Helfen Sie mir!« Gordon stieß einen hohen Schrei aus.

»Es ist das Mädchen! Das Mädchen, das wir ausgegraben haben! Fassen Sie diesen Stein nicht an, Mr. Markby! Sie kommt von den Toten zurück! Ihr Geist ruft uns aus dem Grab entgegen!«

»Nein, ist es nicht!«, rief Markby und sprang vor.

»Das ist Meredith!«

KAPITEL 20

BULLEN WAR mit seinem Gemüsebeet zugange, als Markby ihn in seinem Cottage besuchte. Der Alte blickte auf und begrüßte den Superintendent mit:

»Sie haben Gordon. Was wollen Sie jetzt noch von mir?«

»Sie sind ein elender alter Mistkerl, Nat. Ist das eine Weise, Besuch zu begrüßen?«

»Pah!« Bullen sah nicht unerfreut aus angesichts der wenig schmeichelhaften Beschreibung. Er stützte sich auf seine Hacke.

»Wenn Sie gekommen sind, um Ihr Stück Zaun anzustarren, meinetwegen. Ansonsten haben Sie bestimmt Besseres zu tun, als sich mit mir abzugeben. Oder waren Sie vielleicht auf dem Weg zu Mrs. Holden, um mit ihr Sherry zu trinken?« Es klang aus Bullens Mund wie das Lasterhafteste, was es auf der Welt gab.

»Ich bin gekommen, um mit Ihnen zu reden, Nat.« Markby betrachtete den Kohl.

»Hat Ihnen das Kaninchen noch mal Probleme bereitet?«

»Nein. Das Mistviech kommt nicht mehr dran. Trotzdem, eines Tages krieg ich es. Ich mach einen Braten daraus, mit Zwiebeln und Karotten, wie mein altes Mütterchen ihn immer gemacht hat. Kaninchen war schon immer ein Arme-LeuteEssen.«

»Also keine Tausendfüßler und keine Schnecken?« Der Kohl sah außergewöhnlich gesund aus, wie eine Reihe fetter grüner Rosen.

»Ich wasch ihn immer mit Seifenwasser. Mit meinem Spülwasser. Das vertreibt die Tausendfüßler und anderes Ungeziefer. Wenn Sie die Schnecken loswerden wollen, stellen Sie ihnen eine Schale Bier hin. Sie mögen einen Tropfen Bier, diese Schnecken. Sie werden betrunken und liegen herum, und am nächsten Morgen kann man sie ganz leicht aufsammeln.« Irgendwie waren sie im Verlauf der Unterhaltung bei Bullens Hintertür angekommen, und jetzt nahmen sie auf der Holzbank neben dem Eingang Platz. Bullen lehnte die Hacke mit dem Stiel an die Wand. Die Sonne schien auf die Bank, und es war warm und entspannend. Ein zeitloser Ort. Landmenschen hatten so vor ihren Cottages gesessen, seit die Menschen sich Häuser bauten. Die Szene vor ihnen hatte sich auch nicht sehr verändert. Vielleicht mit Ausnahme eines Kaninchenzauns. Es gab auch andere Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, einschließlich einer Art von loyaler Ergebenheit, die man wohl nur noch bei Leuten wie Bullen antreffen konnte. Im beiläufigsten Konversationston sagte Markby:

»Lars Holden hat das Mädchen nicht umgebracht, Nat.« Bullen antwortete nicht und starrte geradeaus in seinen Garten.

»Ich habe gesagt, Lars hat sie nicht ermordet. Das ist kein Trick, Nat. Er hat es wirklich nicht getan, glauben Sie mir. Wir kennen den Mörder.« Bullen blickte ihn an.

»Was sagen Sie da?«

»Keiner von den Holdens hat etwas mit dem Mord zu tun.« Bullen dachte über das Gehörte nach.

»Aber wer war es dann?«

»Mrs. Archibald wurde des Mordes angeklagt. Die Frau von Derek dem Metzger. Eine familiäre Angelegenheit hat sie dazu gebracht, Kimberley zu töten.« Bullen murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Ich hab diesem Derek Archibald noch nie über den Weg getraut! Ich hab mich auf ihn verlassen, dass er dafür sorgt, dass sie mir nicht die Koffer vor die Tür stellen! Er war im Kirchenvorstand! Er hätte verdammt noch mal dafür sorgen können, dass ich meinen Job behalte. Aber hat er es getan? Nein!«

»Erzählen Sie mir mehr darüber, Nat.«

»Meinetwegen«, sagte Bullen.

»Wenn Sie schon so viel wissen, kann ich Ihnen auch alles erzählen. Ich hab’s nur getan, weil ich dachte, es wäre der junge Lars gewesen, wissen Sie? Für Derek Archibald hätte ich’s nie getan!« Er unterbrach sich.

»Schätze, wir beide könnten einen Schluck vertragen, wie?« Ein wenig später hielt Markby ein großzügiges Glas Malt Whiskey in der Hand und bemerkte:

»Ein ausgezeichneter Tropfen, Nat!«

»Hab ihn von Mrs. Holden. Letzte Weihnachten hat sie ihn mir geschenkt«, berichtete Bullen.

»Eine sehr noble Dame, und immer sehr großzügig zu mir gewesen. Ich bin ihr eine Menge schuldig, und ich bezahl meine Schulden. Deswegen wollt ich ihr auch helfen, als ich dacht, der Junge wär in Schwierigkeiten. Ich wusste, dass er mit dem Mädchen herummachte, weil ich die beiden ein paarmal in den Büschen auf dem alten Friedhof erwischt hatte. Ich hab nichts gesagt. Die menschliche Natur ist, wie sie ist. Junge Leute haben es immer miteinander gemacht und werden es immer machen. Ich hab’s auch gemacht, als ich ein junger Bursche war«, fügte er hinzu und verstummte, um in Erinnerungen an eine fehlgeleitete Jugend zu schwelgen.

»Archibald«, erinnerte ihn Markby.

»Oh, der. Na ja, Archibald kam eines Abends hier raus zu meinem Cottage. Er war sehr aufgeregt, das hab ich sofort gesehn! Er hat an mein Küchenfenster geklopft, gleich hier.« Bullen deutete auf das Fenster hinter ihnen.

»Er war schweißgebadet wie ein durchgegangenes Pferd! ›Nat!‹, hat er gesagt, ›etwas Schreckliches ist passiert! Ich hab dieses Mädchen tot auf dem Friedhof gesehn, dieses Mädchen, mit dem der junge Lars Holden herumgemacht hat! Ich glaub, er hat sie umgebracht!‹« Bullen schüttelte den Kopf.

»Ich hab einen gehörigen Schreck bekommen! Ich hab gedacht, was das für Mr. und Mrs. Holden bedeuten musste, die immer so gut zu mir gewesen waren und so anständige Leute. Ich hab Derek gefragt, ob er schon was unternommen hätte, und er sagte: ›Nichts.‹ Er hatte sie nur in meinen Schuppen gebracht, damit niemand sie finden könnte. Er sagte, es wäre eine Schande, wenn wegen dieser dummen Sache das Leben des jungen Master Holden ruiniert würde und seiner armen Mutter das Herz bräche. Und das Mädchen würde deswegen auch nicht wieder lebendig. Nebenbei hätte Mrs. Holden auch immer all ihr Fleisch in seinem Laden gekauft und wäre eine gute Kundin gewesen. Immer nur das Beste, und sie hätte sich nie über den Preis beschwert. Also hat er vorgeschlagen, wir sollten die Tote begraben. Nur, dass er meine Hilfe brauchte, und außerdem würde ich merken, wenn jemand die Erde aufgräbt, also musste ich so oder so mitmachen.«

»Ich verstehe. Also sind Sie zusammen mit Derek Archibald zum Friedhof zurückgegangen?«

»Genau. Das Dumme war nur, dass noch immer Leute da waren. Es war mitten im Sommer, wissen Sie? Also hab ich zu ihm gesagt, wir müssten warten, bis es dunkel ist. Dann hab ich sie mir angesehen. Sie war schon steif. Ganz krumm, so, wie er sie hingelegt hatte. Die Knie angezogen und ein Arm zur Seite ausgestreckt. Ich hätte sie nur gerade biegen können, wenn ich vorher mit der Schaufel die Knochen gebrochen hätte. Derek hätte sich fast übergeben, als ich es vorschlug. Ich würde den Leichnam damit entweihen, sagte er. Er wollte es nicht, und ich kann Ihnen sagen, ich war auch nicht begierig darauf. Aber sie war noch jung, und die Leichenstarre ist nicht so ausgeprägt bei den Jungen und verschwindet auch schneller wieder. Aber das wissen Sie bestimmt selbst; Sie sind immerhin Polizist. Also sagte ich ihm, dass wir besser bis zum Morgen warten sollten. Über Nacht würde die Starre vielleicht ein wenig nachlassen, und wir könnten besser mit ihr hantieren. Also machten wir ab, Derek und ich, dass wir uns im ersten Morgengrauen wieder treffen wollten.« Bullen verstummte. Nach einer Weile fragte Markby:

»Also war Ihnen bewusst, dass Kimberley schon eine Weile tot sein musste? Nachdem die Leichenstarre so weit fortgeschritten war?«

»O ja, das habe ich gleich erkannt. Sie muss fünf oder sechs Stunden tot gewesen sein, hab ich geschätzt. Ich hab noch gedacht, seltsam, dass ich sie nicht selbst gefunden hab, am Nachmittag, als ich auf dem Friedhof gewesen bin, um zu arbeiten. Sie muss da schon tot gewesen sein und herumgelegen haben. Aber ich dachte, dass ich mich vielleicht auch geirrt hätte. Ich bin kein Arzt, und außerdem hatte ich keinen Grund, an Derek Archibalds Worten zu zweifeln. Obwohl ich heute denke, dass er mir damals ganz schön einen vom Pferd erzählt hat!« Bullen unterbrach sich.

»Sie war schlimm zugerichtet. Ich war richtig erschrocken. Tiefe Schnitte am ganzen Körper. Der Junge muss wirklich von Sinnen gewesen sein, hab ich gedacht. Ihre Kleider waren in Fetzen, und an den Armen hatte sie tiefe Schnitte. Ihr Gesicht war auch kein schöner Anblick. Der Mund stand offen, und wir konnten den Kiefer nicht hochbiegen. Die Augen waren auf. Sie quollen aus den Höhlen und standen hervor. Derek hatte sie in ein Stück Stoff eingewickelt und das Gesicht bedeckt. Er konnte ihren Anblick nicht ertragen. Er zitterte wie Espenlaub.«

»Muskelkrämpfe«, murmelte Markby. Was für ein schrecklicher Anblick es für den armen Metzger gewesen sein musste! Seine hübsche Tochter, verstümmelt zu einem Zerrbild ihres einstigen Selbst!

»Am nächsten Tag im Morgengrauen war ich wieder auf dem Friedhof, und Derek wartete schon auf mich«, fuhr Bullen mit seiner Beichte fort.

»Ich schlug vor, dass wir sie in das Gresham-Grab legen sollten. Ich hatte Eunice Gresham versprochen, neue Erde darauf zu schaufeln, weil es eingesunken war. Also gruben wir ein Loch, und ich erwischte aus Versehen Marie Greshams Arm. Derek war ganz außer sich! Ich hätte wirklich geglaubt, so ein Metzger, der ist an den Anblick von Knochen gewöhnt. Jedenfalls, ich hab den Arm wieder eingegraben, und dann haben wir das Mädchen oben draufgelegt. Sie war noch immer ein wenig steif, aber wir schafften es, ihren Arm und die Beine gerade zu machen. Derek war ganz grün im Gesicht, und ich hab ihm gesagt, ich würd allein weitermachen und er sollte nach Hause gehen und frühstücken. Obwohl ich nicht sicher bin, ob er was runtergebracht hat!« Bullen gab ein unerwartetes Kichern von sich.

»Also hat er sich aus dem Staub gemacht. Ich hab ein paar Schubkarrenladungen voll Erde geholt und auf das Grab gekippt. Einen richtig schönen Hügel hab ich gemacht, wie bei einem richtigen Begräbnis. Niemand würde etwas bemerken, wenn die Erde erst fest geworden war. Und wenn jemand wissen wollte, warum frische Erde drauflag – ich hab nur gemacht, worum Eunice Gresham mich gebeten hatte. Danach wollte ich weg vom Friedhof – und wem muss ich begegnen?« Bullens Gesicht lief zornig rot an.

»Ich bin direkt dieser naseweisen Frau in die Arme gerannt, dieser Mrs. Etheridge! Was hatte sie um diese frühe Zeit am Friedhof zu suchen, frage ich Sie? Sie war ein ständiges Ärgernis und hat sich andauernd über mich beschwert, und sie war eine von denen, die mich loswerden wollten. Sie fing auch gleich wieder an, mich zu beschimpfen. Beschuldigte mich, schon um diese Tageszeit betrunken zu sein! Ich antwortete mit ein paar derben Flüchen, bis sie sich auf ihr Fahrrad schwang und davonradelte, als sei der Teufel hinter ihr her.« Bullens schrilles Kichern hallte ein weiteres Mal durch die Luft. Dann wurde er wieder ernst.

»Aber ich hab mir Gedanken gemacht, Mr. Markby. Ich wusste, dass es gegen das Gesetz war, das Mädchen einfach so zu begraben, ohne dass jemand davon wusste. Schlimmer noch, sie hatte nicht einmal einen richtigen Gottesdienst, und jeder Mensch hat ein Recht darauf, nicht wahr? Also bin ich ein paar Tage später abends in die Kirche geschlichen und …« Bullen blickte verlegen drein.

»Es klingt dumm, aber ich wollte etwas Gutes für sie tun. Ich hab eine Kerze angezündet und ein paar Blumen auf den Altar gelegt und ein Gebet für die Kleine gesagt. Aber mittendrin, man soll es wirklich nicht glauben, kam diese Mrs. Etheridge in die Kirche! Ich hatte das Gefühl, dass sie mir überall hin hinterherschlich, und ich konnte sie einfach nicht loswerden! Jedenfalls, sie hat mich nicht gesehen. Ich hab mich hinter einer Säule versteckt. Sie hat die brennende Kerze gefunden und fing an zu glucksen wie eine alte Henne, während sie nach draußen rannte. Als sie weg war, bin ich auch gegangen. Ich dachte mir, dass sie mit dem Vikar zurückkommen würde. Ich bin nicht wieder in die Kirche gegangen.« Bullen streckte seinen alten Rücken.

»Das ist alles, Sir. Verhaften Sie mich jetzt?«

»Nein, Nat. Ich weiß ja, wo ich Sie finde. Sie werden zur Wache kommen und alles noch einmal erzählen müssen, damit wir es in einem Protokoll festhalten können. Es wird vielleicht ein wenig Wirbel geben, doch ich bezweifle, dass man Sie ins Kittchen stecken wird.«

»In diesem Fall«, sagte Bullen, »haben wir vermutlich Zeit für einen weiteren Schluck von diesem guten Zeugs hier, oder?«

»Das Problem ist, dass wir alle von Sex besessen sind. Er verzerrt unsere Sicht der Dinge.«

»Meinst du uns? Dich und mich persönlich?« Alan Markby ließ die Frage im Raum verhallen, während er einen nachdenklichen Blick auf den kleinen Rest Wein in der Flasche auf dem Tisch warf.

»Nein! Ich meine uns alle! Sieh mal, Kimberley war jung, hübsch und schwanger, als sie starb. Also dachten wir alle: Aha! Ein Sexualverbrechen!«

»Es schien eine vernünftige Annahme.«

Der Dessertwagen kam in ihre Richtung. Es war wie stets ein Augenblick der Wahrheit. Markby bemühte sich, nicht auf die angebotenen Köstlichkeiten zu blicken. Meredith hatte den Wagen noch nicht bemerkt. Sie erging sich noch immer über den Sex und die Art und Weise, wie er den Menschen die Sicht auf die Dinge verstellte. Zu wahr, dachte er mit einem Seufzer.

»Es war die falsche Annahme!«, verkündete sie.

»Mrs. Archibald vermutete bereits seit Jahren, dass Kimberley Dereks Tochter war, und sie hatte gelernt, mit diesem Wissen zu leben. Was sie hat durchdrehen lassen, war, als sie mit anhören musste, wie Derek seiner Tochter versprach, das Testament zu ändern und ihr die Familienmetzgerei zu vermachen. Keine sexuelle Eifersucht, sondern Habsucht war ihr Motiv. Ganz gewöhnliche altmodische Gier.«

»Das sind tiefe Wasser, Watson!«, sagte Markby, als er sein Glas hob und mit einer Grimasse den dunkelroten Fleck bemerkte, der sich auf der steifen Damasttischdecke gebildet hatte. Er tröstete sich damit, dass das Old Coaching Inn ohne Zweifel eine kompetente Wäscherei beschäftigte und schon Schlimmeres gesehen hatte.

Der Dessertwagen war eingetroffen. Einen Augenblick zögerten sie schuldbewusst, dann resignierten beide. Meredith entschied sich für die Mousse au chocolat (

»Sie ist ganz leicht!«), und Markby nahm ein Stück Aprikosenstreusel (

»Mit Eierlikör bitte, ohne Sahne!«).

»Wenn das so weitergeht, müssen wir beide eine Diät anfangen«, stellte Meredith fest.

»Eine Person auf Diät, während die andere alles isst, das funktioniert einfach nicht.«

»Ich hab doch gar kein Übergewicht«, entgegnete er selbstgefällig.

»Meinst du, ich bin zu dick?« Offensichtliche Anzeichen von Panik auf der anderen Seite des Tisches.

»Nein! Aber du hast angefangen, von Diät zu reden! Mir gefällst du so, wie du bist!« Hastig lenkte er das Gespräch auf Verbrechen zurück. Es war einfacher.

»Es ist ein wenig komplizierter, als du es beschrieben hast. Keine Habgier, nein. Es ging um den guten Ruf. Mrs. Archibald ist besessen von einer ganz eigenwilligen Ansicht über das, was schicklich ist und was nicht. Der Gedanke kam mir, als ich sie besucht habe. Ich glaube eher, die gute Mrs. Archibald ist durchgedreht, weil eine Testamentsänderung einem öffentlichen Eingeständnis von Dereks Vaterschaft für Kimberley gleichgekommen wäre. Sie liegt übrigens immer noch im Krankenhaus.«

»Du hast erzählt, sie wäre zusammengebrochen, als du gekommen wärst, um sie zu vernehmen? Wie geht es ihr inzwischen?«

»Nicht besonders gut. Sie ist eine kranke Frau. Die Ärzte geben ihr höchstens noch ein Jahr, wenn überhaupt. Höchst unwahrscheinlich, dass sie je vor Gericht gestellt wird.«

»Was ist mit Derek? Und mit Bullen?«

»Bullen ist ein alter Mann. Wir konnten inzwischen herausfinden, dass er bereits sechsundachtzig ist. Es steht überhaupt nicht zur Debatte, dass er Dennys Job als Totengräber übernimmt. Bullen ist außer sich! Er fühlt sich einmal mehr betrogen. Gordon hat es ihm schließlich versprochen! Er sagt, es tut ihm Leid, dass er Gordon bei sich aufgenommen hat. Er hätte ihn seinem Schicksal überlassen sollen! Was seinen Gesetzesbruch angeht – es liegt nicht in meiner Macht, ihn zu begnadigen. Aber nach so langer Zeit und unter den gegebenen Umständen, angesichts seines hohen Alters und allem, sehe ich noch nicht, dass ein Verfahren gegen den alten Knaben eingeleitet wird.«

»Was ist mit Derek?«

»Abgesehen von der Verschleierung des Mordes vor zwölf Jahren hat er den Mord an Denzil Lowe gestanden. Es sieht so aus, als hätte er Denny Lowe zum Schuppen gelockt, angeblich, um den ersten Sonntagsbraten zu übergeben. Die Lowes dachten wohl, sie müssten bis an ihr Ende kein Fleisch mehr kaufen. Derek war zuerst im Schuppen und legte sich auf die Lauer. Als Denny kam, schlug er ihn bewusstlos und hängte ihn auf in der Absicht, ihn für immer zum Schweigen zu bringen und seinen Bruder Gordon zu erschrecken. Er hätte sich Gordon sicher auch noch vorgeknöpft. Gordon erkannte die Gefahr und ist untergetaucht.«

»Mich hat Derek auch angegriffen!«, beschwerte sich Meredith.

»Keine Sorge, ich hab nicht vergessen, dass er versucht hat, dich zu ermorden! Aber auch Derek liegt im Krankenhaus. Er erholt sich von der Kopfverletzung, die er sich zugezogen hat, als der Grabstein auf ihn fiel. Wir können immer nur ein paar Minuten am Stück mit ihm reden und müssen seine Antworten wie ein Puzzle zusammensetzen. Zu dir kommen wir noch.« Meredith erschauerte.

»Es war der schlimmste Augenblick in meinem ganzen Leben! Ich hatte noch nie so viel Angst, und ich habe schon eine ganze Reihe haariger Augenblicke erlebt, seit wir uns kennen gelernt haben.«

»Danke sehr! Dürfte ich dich darauf hinweisen, dass du dich immer wieder selbst in derartige Schwierigkeiten bringst? Derek hat dich nur deswegen mit einem Schlachterbeil über den Friedhof gejagt, weil du in seinen Schuppen einbrechen musstest, seine Frau ausgehorcht hast und ganz offensichtlich in seinem Privatleben herumgeschnüffelt hast!«

»Schwierigkeiten? Ich war lebendig mit Derek Archibald begraben, und du nennst das Schwierigkeiten?«

»Lern aus dieser bestimmt sehr schlimmen Erfahrung, ja?«, flehte Markby.

»Denk auch mal an mich! Ich hätte fast einen Herzschlag bekommen, als ich deine Stimme aus dem Grab gehört habe. Genau wie der arme Gordon Lowe und James Holland!« Meredith war noch immer nicht überzeugt.

»Was glaubst du denn, wie ich mich gefühlt habe?«, fragte sie, aber schon leiser. Dann fuhr sie fort:

»Schade nur, dass Derek Archibald nicht fit genug sein wird, um dem Begräbnisgottesdienst für seine Tochter beizuwohnen. Er hätte es sich bestimmt gewünscht.«

»Komm, wir bestellen uns noch einen Kaffee. Dereks Probleme sind nicht deine. Außerdem habe ich hier eine kleine Überraschung für dich.« Mit einer eleganten Handbewegung brachte Markby eine Hochglanzbroschüre zum Vorschein und legte sie vor Meredith hin. Sie beugte sich vor und warf einen Blick darauf.

»Alan? Eine Kreuzfahrt in der Ägäis? Ich dachte, du möchtest auf dem Kanal Urlaub machen?«

»Nach allem, was wir durchgemacht haben, dachte ich, ein wenig Luxus wäre gar nicht schlecht.« Er grinste.

»Wir haben ihn uns verdient.« Die sterblichen Überreste Kimberley Oates’ und ihres ungeborenen Kindes wurden während einer kurzen Feier, abgehalten von Pater James Holland, im Krematorium verbrannt. Nur wenige Menschen besuchten die Zeremonie, doch es gab eine Reihe von Kränzen und Blumen. Die Holdens sowie Angie Pritchard hatten ein hübsches Nelkenbukett geschickt, und selbst Bullen war bei einem Blumenhändler gewesen und hatte Rosen geschickt, auch wenn er nicht persönlich am Gottesdienst teilnahm. Verschiedene Bürger aus der Stadt hatten kleine Sträuße gesandt, als hätte Kimberleys traurige Geschichte irgendwie ein gemeinschaftliches Schuldgefühl aufgerührt. Alle wurden überragt von einem wundervollen Gesteck, das Derek vom Krankenbett aus organisiert hatte und das eine Schleife trug mit der Aufschrift:

»In Gedenken an meine geliebte Tochter und mein Enkelkind.« Meredith, in einer Kirchenbank zusammen mit Alan, Bryce und Prescott, empfand den Gottesdienst als bedrückend. Ablenkung kam von einem Pärchen in der vordersten Sitzreihe. Der junge Mann, obwohl sie ihn nur von hinten sehen konnte, kam ihr bekannt vor. Neben ihm saß eine junge Frau, die Meredith noch nie gesehen hatte. Als sich der junge Mann zum Ende der Zeremonie umdrehte, erkannte sie in ihm überrascht Glyn Tempest. Er trug einen schlecht sitzenden Anzug und einen Lederschlips. Meredith fragte sich, ob seine Mutter Susan wusste, dass er heute hergekommen war. Draußen vor der Kapelle kamen sie und Alan an den Tempests vorbei. Glyn begrüßte sie verlegen und stellte das Mädchen, eine bubiköpfige junge Frau, als seine Schwester Julie vor.

»Ich freue mich, dass Sie kommen konnten«, sagte Markby und streckte ihnen die Hand hin. Tempest erwiderte den Händedruck mit feuchten Fingern.

»Danke für Ihre gründliche Arbeit, Mr. Markby. Ich bin froh, dass Sie den Mörder gefasst haben.«

»Mum konnte nicht kommen«, sagte Julie mit einem Anflug von Trotz.

»Aber sie war ebenfalls froh zu erfahren, dass … dass Kimberley nun ein anständiges Begräbnis erhalten hat.« Susan ist also glücklich, dachte Meredith. Die Loyalität ihrer überlebenden Kinder war sowohl rührend als auch über jeden Zweifel erhaben.

»Recht so«, erwiderte Markby unverbindlich. Julie fühlte sich allem Anschein nach genötigt, ihre Anwesenheit sowie die ihres Bruders zu erklären.

»Wir dachten, Glyn und ich, dass wir kommen müssten. Sie war … sie war unsere Schwester. Unsere Halbschwester. Eigenartig …« Sie zögerte.

»Wirklich schade, dass wir sie nie gekannt haben.«

»Wir haben Fotos von Kimberley in den Akten«, bot Markby an.

»Falls Sie Abzüge möchten …?« Sie unterbrachen ihn unisono, erschrocken und bestürzt zugleich.

»O nein!«

»Ich glaube, das würde ein wenig zu weit gehen, Mr. Markby«, sagte Julie Tempest.

»Im Augenblick jedenfalls. Ich meine – es ist sowieso zu spät …« Sie verstummte, während sie nach einem anderen Grund suchte, und beendete ihren Satz dann mit einem einfachen:

»… besser nicht.«

KAPITEL 21

ES MISSFIEL Alan, eine Akte zu schließen, obwohl noch so viele Fragen offen schienen. Eine davon ging ihm besonders im Kopf herum, auch wenn er sich resigniert eingestand, dass er die Antwort wohl niemals erfahren würde. Vielleicht war sie auch nicht so bedeutsam. Trotzdem, sie nagte beharrlich an ihm. Und dann wurde sie – völlig unerwartet – doch noch beantwortet. Beantwortet, wie es oftmals geschah, und auf eine Weise, die niemand vorhergesehen hatte. Eines verregneten Morgens saßen sie vor ihm, Seite an Seite. Sie waren jung, und sie waren sehr ernst. Markby erkannte die Frau wieder, deren attraktive Gesichtszüge noch vom Abdruck einer Stahlrandbrille und einem strengen Ausdruck geprägt waren. Der Name der beiden war Das.

»Wir sind uns schon einmal begegnet, Mrs. Das«, sagte Markby.

»Ich habe bei Ihnen geklingelt, als ich nach Mrs. Joan Oates suchte, Sie erinnern sich?«

»Ja. Das ist der Grund, aus dem wir gekommen sind!«, sagte sie heftig.

»Wir wussten, dass Sie sich für unser Haus interessieren.«

»Es geht um den Ausbau des Dachs, verstehen Sie«, erklärte Mr. Das.

»Wir wollen ein Studio einbauen. Natürlich ist es ein altes Haus, und es steht unter Denkmalschutz. Trotzdem erhielten wir eine Planungsgenehmigung, weil wir die alten Balken erhalten. Wir wollen lediglich die Wände herausnehmen, notwendige Reparaturen am Dach vornehmen, einen Boden verlegen sowie elektrische Anschlüsse.«

»Richtig«, sagte Markby, der sich bereits fragte, worauf die beiden hinauswollten. Glaubten sie vielleicht, sie müssten seine Genehmigung einholen? Mrs. Das meldete sich zu Wort.

»Wir sind nämlich JuraStudenten, Superintendent.«

»Sehr schön«, sagte Markby. Also wollten sie ihn mit Fragen über die Polizeiarbeit bombardieren.

»Wir kennen uns in dieser Hinsicht ein wenig mit dem Gesetz aus«, sagte Mr. Das.

»Aber wir sind hergekommen, weil wir wissen, dass Sie Ermittlungen wegen der Familie geführt haben, die früher in unserem Haus gelebt hat. Deswegen dachten wir, Sie sollten es wissen.«

»Was denn wissen?« Markbys Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.

»Als wir den Dachboden ausgeräumt haben, bin ich in die Dachsparren hinaufgeklettert und fand dort eine Blechdose.«

»Ah«, sagte Markby.

»Alte Papiere? So etwas ist immer sehr interessant. Kein Testament, oder?«

»Nein. Sie enthielt Geld.« Das steckte die Hand in die Tasche und brachte ein Bündel schmutziger, feuchter Geldscheine zum Vorschein. Selbst auf die Entfernung hin offenbarte sich der Geruch nach Moder und Schimmel.

»Es muss viele Jahre dort gelegen haben. Ein paar der Banknoten sind nicht mehr gültig, doch soweit ich weiß, kann man sie bei jeder Bank eintauschen. Sie sind noch nicht so alt und bestimmt nicht historisch. Vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre. Was die Frage des Eigentums angeht, die Dose mit dem Geld war im Haus, als wir es gekauft haben und eingezogen sind. Niemand hat sich mehr gemeldet und danach gefragt. Um ganz sicherzugehen, haben wir Mrs. Hamilton angerufen, die Vorbesitzerin, und sie gefragt – natürlich diskret, Sie werden verstehen –, ob sie damals etwas vergessen hätte. Wir haben das Geld nicht erwähnt. Wir fragten, ob irgendetwas von dem, was wir aus dem Speicher geräumt haben, für sie von Interesse wäre. Sie sagte nein. Sie hat den Speicher nie benutzt. Alles dort oben muss also von der Bewohnerin stammen, die vorher dort gelebt hat, einer Mrs. Oates. Wenn ich richtig informiert bin, ist Mrs. Oates tot.« Das also hatte die arme Kimberley mit dem Geld gemacht. Natürlich. Sie hatte es vor ihrer Großmutter versteckt. Sie war hinauf auf den Speicher gestiegen, wo Joan Oates niemals hingehen würde, und hatte es zwischen den Balken versteckt, um es später wieder abzuholen. Doch dazu war es nicht mehr gekommen. Markbys Frage war beantwortet. Er stellte sich vor, wie Kimberley mit ihrer kostbaren Gelddose zwischen den Balken umhergeturnt war. Der Wind rüttelte am offenen Fenster. Eine kalte Windbö raschelte in dem Stapel Banknoten, den Mr. Das auf den Schreibtisch gelegt hatte. Kimberleys Geist, der ohnmächtig nach dem Geld griff, mit dem sie ein neues Leben hatte anfangen wollen, weit weg von Bamford? Oder war das nur seine Einbildung? Eigenartig, dachte Markby. Aber wer konnte das schon wissen?

»Wenn wir richtig informiert sind, haben wir unter den gegebenen Umständen Anspruch auf dieses Geld. Trotzdem sind wir damit zu Ihnen gekommen, Superintendent. Wir wissen, dass Sie sich für das Haus und Mrs. Oates interessieren. Und es ist eine recht hohe Summe. Vierhundertfünfundneunzig Pfund!«

»Fünf Pfund!«, murmelte Markby.

»Kimberley hat gerade einmal fünf Pfund ausgegeben. Ich frage mich, wofür?«

»Verzeihung?« Mr. Das beugte sich vor.

»Ach nichts«, antwortete Markby. Erneut raschelte der Wind – oder etwas anderes – in den Banknoten. Und im gleichen Augenblick schien eine leise Stimme in seinem Kopf zu sagen:

»Ich war Simon French noch einen Fünfer schuldig.«

»Das warst du«, murmelte Markby. Kimberley hatte versprochen, Simon das Geld zurückzugeben. Sie hatte fünf Pfund aus der Dose genommen, bevor sie sie versteckt hatte. Vermutlich hatte sie das Geld noch bei sich gehabt, als sie gestorben war.

»Und was sagen Sie, Superintendent?«, riss Mr. Das ihn aus seinen Gedanken. Eindeutig hielt er Markby für ein wenig verschroben.

»Habe ich Recht oder nicht? Das Geld gehört uns?« Major Walcott mochte vielleicht Einwände haben, doch selbst wenn es so war, hatte seine Forderung vor Gericht keinen Bestand. Er hatte Kimberley das Geld aus freien Stücken gegeben, nachdem er mit seiner Frau darüber gesprochen und ihr Einverständnis erhalten hatte. Kimberley hatte es nicht verlangt, nicht von den Walcotts jedenfalls. Außerdem – auch wenn die Wahrscheinlichkeit noch so hoch sein mochte, dass es sich um das Geld der Walcotts handelte –, beweisen ließ es sich nicht mehr. Es sei denn, der Major hatte die Seriennummern notiert, und das hielt Markby für höchst unwahrscheinlich.

»Mr. und Mrs. Das«, sagte er.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie vorbeigekommen sind. Sie haben richtig gehandelt.« Beide sahen erfreut aus und wirkten mit einem Mal gar nicht mehr so wichtigtuerisch. Es war reine Nervosität gewesen, erkannte Markby, die sie so steif hatte wirken lassen.

»Was das Geld betrifft, so schlage ich vor, Sie konsultieren einen qualifizierten Anwalt. Sie kennen sich selbst einigermaßen mit den Gesetzen aus, wenn ich Sie recht verstanden habe. Trotzdem ist es besser, sich in einem solchen Punkt Klarheit zu verschaffen. Ich persönlich würde sagen, dass sie den Fund mit Recht für sich beanspruchen dürfen. Das Geld war im Haus, als Sie es gekauft haben. Mrs. Hamilton scheint nichts darüber zu wissen. Und es gibt keinerlei Hinweise, die darauf schließen ließen, es könnte aus einem Diebstahl oder einem anderen Verbrechen resultieren.« Beide Dasses nickten eifrig.

»Genau das haben wir uns auch gedacht, Superintendent!«, sagte Mrs. Das. Die moralische Antwort mochte anders lauten, doch das ging Markby nichts an.

»Gehen Sie zu einem Anwalt«, empfahl Markby noch einmal.

»Es ist keine Polizeiangelegenheit.« Doch er machte sich eine Notiz in den Akten, nachdem die beiden gegangen waren.

Margaret Holden wanderte durch die weitläufigen Zimmer der Old Farm, eines nach dem anderen, Oscar stets dicht auf den Fersen.

Während sie Schränke öffnete und Notizen in ihr kleines Heft schrieb, redete auch sie laut vor sich hin. Doch während Markby nur mit sich allein redete, hatte Margaret genau wie alle anderen Hundebesitzer einen vierbeinigen Zuhörer zur Hand, der jedes vertrauliche Geständnis für sich zu bewahren wusste.

»Ich mache eine Art Inventur, Oscar.«

Der Dackel blickte zu ihr hoch, die Ohren freundlich gespitzt, doch unübersehbar gelangweilt.

»Weil ich nämlich denke, dass wir beide, du und ich, in Kürze umziehen werden. Nein, ich will natürlich nicht gehen, und du vermutlich auch nicht, was?« Oscar erkannte, dass ihm eine Frage gestellt wurde, und bemühte sich verzweifelt, intelligent dreinzublicken, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, was er antworten sollte. Es war ein Trick, den viele Menschen bis zur Perfektion beherrschten.

»Aber Lars möchte mit Angie hier einziehen. Vermutlich hat er ein Recht darauf.« Oscar hatte Lars’ Namen mitbekommen und wedelte mit dem Schwanz.

»Ich hab zu ihr gesagt, dass ich nicht ausziehen würde! Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, Oscar!« Margaret lächelte dem Hund zu, und Oscar, der ihre Belustigung spürte, wackelte erneut mit dem Schwanz und gab ein leises Jaulen von sich, um sie weiter aufzumuntern. Die Stimmung im Haus war in letzter Zeit ein wenig ernst gewesen, und Oscar hatte es gespürt. Er hoffte nur, dass sich die Dinge jetzt zum Besseren entwickelten.

»Sie ist eine sehr unangenehme junge Frau! Andererseits – wenn Lars mit ihr glücklich ist … Er ist schließlich ein erwachsener Mann, und ich schätze, ich muss es akzeptieren. Soll er sich doch sein eigenes Grab graben …« Sie brach ab.

»Das hätte ich nicht sagen sollen. Gott sei Dank, dass ich nicht abergläubisch bin. Ich muss gestehen, Oscar, dieses Haus ist für mich nun zu einem Gespensterhaus geworden. Es ist wirklich an der Zeit zu gehen. Vielleicht ziehen wir ans Meer? Es würde dir gefallen, Oscar. Wir könnten über die Klippen spazieren. Ich bleibe jedenfalls bestimmt nicht hier. Nicht so nah bei Lars und seiner zukünftigen Frau. Ich sehe nicht zu, wie sie in meinem Haus die Herrin spielt! Pah!« Sie klappte das kleine Notizbuch zu und wanderte nach draußen in den Korridor. Oscar trottete voraus, in der Hoffnung, dass der ermüdende Spaziergang durch das Haus zu Ende war und sie nach unten ging, vorzugsweise in die Küche. Das Wort Meer mit seiner gedehnten Silbe hatte ihn ein wenig beunruhigt. Es hatte so unheilvoll geklungen. Doch es ging nicht nach unten, sondern in Margarets Schlafzimmer. Sie setzte sich in den Lloyd-Sessel neben dem Nachttisch, und Oscar setzte sich zu ihren Füßen. Er wartete, doch er wirkte ungeduldig.

»Ich lebe seit fast dreißig Jahren in diesem Haus, Oscar. Es fällt mir schwer auszuziehen. Ich werde eine Menge wegwerfen müssen. Wir werden nicht genügend Platz für alles haben, wenn ich irgendwo eine Wohnung kaufe. Viele persönliche Dinge müssen weg. Kein Mobiliar, natürlich nicht. Das bleibt alles für Lars. Es gehört zum Haus, weißt du? Vielleicht nehme ich das ein oder andere Bild mit. Die Küstenlandschaft aus dem Wohnzimmer. Richard hat das Bild gekauft. Vielleicht nehme ich es mit.« Die Erwähnung ihres verstorbenen Mannes lenkte Margarets Gedanken in eine neue Bahn. Sie streckte die Hand nach dem silbern gerahmten Foto auf dem Nachttisch aus und betrachtete es.

»O Richard«, sagte sie leise.

»Wenn dein Geist zuhört – es tut mir so Leid, dass ich dir das antun musste. Aber du hattest solche Schmerzen. Und es war so leicht. Nichts weiter als ein paar Tabletten in einem Drink. Trotzdem, ich hätte es nicht getan, Liebster. Ich hätte es nicht getan, wenn du mich nicht mit dieser Frau betrogen hättest! Mich und Lars! Wie konntest du! Mit diesem Mädchen! Von allen Mädchen ausgerechnet sie? Das konnte ich dir nicht verzeihen, Liebster. Und ich durfte nicht das Risiko eingehen, dass Lars es eines Tages herausfindet. Deswegen musste ich dich töten, mein Liebster. Es tut mir Leid. Es tut mir unendlich Leid. Aber du hattest mir keine andere Wahl gelassen.« Sie stellte das Bild auf den Nachttisch zurück und erhob sich mühsam.

»Komm, Oscar. Es ist Teezeit.« Oscar wusste, was dieses Wort bedeutete. Es bedeutete Biskuits. Er sprang vor ihr her zur Tür und rannte zur Treppe voraus. Seine kurzen Beine bewegten sich mit größter Eile. Im Lauf der Jahre war er zum Empfänger zahlreicher Geheimnisse geworden, die sein Frauchen nur ihm allein anvertraut hatte. Einige davon – wie das, von dem sie gerade gesprochen hatte – waren recht verblüffend gewesen. Doch wäre Oscar im Stande gewesen zu sprechen, er hätte ohne jeden Zweifel der menschlichen Maxime zugestimmt, dass es besser war, schlafende Hunde nicht zu wecken.